„Immer noch wach“: Wie sterben, wie leben? Einmal Hospiz und zurück

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Ein Roman über Verzweiflung und Lebensfreude, Liebe und Freundschaft.

Alex, gerade 30 geworden, schließt nach einer tödlichen Krebsdiagnose mit allem ab, was ihm lieb und teuer ist und verschwindet im Hospiz. Während seine Freundin und sein bester Freund und Geschäftspartner unglücklich zurückbleiben, hält die freiwillig gewählte letzte Station unerwartete Beziehungen für ihn bereit – bis die Nachricht einer Fehldiagnose ihn zurück ins Leben katapultiert. Nur – in welches Leben? In seinem „alten“ Leben scheint kein Platz mehr zu sein … Und dann erwarten ihn Herausforderungen, denen er nicht ausweichen kann.

Was will ich vom Leben, und wie will ich sterben? Was wird wichtig, wenn der Tod nahe ist? „Immer noch wach“ (Haymon Verlag), das Romandebüt von Fabian Neidhardt, balanciert souverän und mit überraschenden Wendungen zwischen der Lust aufs Leben und der Traurigkeit des Sterbens, zwischen heiterem Fatalismus, Witz und Schwermut. Eine optimistische und warme Geschichte über unsere Verwundbarkeit im Angesicht des Todes und über die Dinge, die wirklich wichtig sind, solange wir leben.

Fabian Neidhardt, geboren 1986, ist Sprecher und Geschichtenerzähler. Er studierte Sprechkunst und Kommunikationspädagogik sowie Literarisches Schreiben. Seit 2010 sitzt er als Straßenpoet mit Schreibmaschine immer wieder in Fußgängerzonen und schreibt kurze Texte auf Zuruf. 2014 stand er auf der Shortlist für den Indie Autor Preis, 2020 wurde er Stipendiat des Förderkreises deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg.

Gespräch mit Fabian Neidhart, Autor von „Immer noch wach“

• Sie nennen sich Botschafter des Lächelns, sind ein Mensch voller Lebensfreude und schreiben über Leben und Sterben. Wie kommen Sie gleich an dieses ganz große Thema?

Ich bin hier in Süddeutschland auf einem alten Friedhof aufgewachsen. Der war schon damals nur noch Park, aber am Rand standen die Grabsteine und nachts nach Hause zu kommen, war immer ein bisschen gruselig. Das und eine große polnisch-italienische Familie, durch die ich schon relativ früh auf Beerdigungen war, haben wohl dazu geführt, dass ich mich gerne mit diesen Themen befasse.

In diesem Fall habe ich im Spiegel einen Artikel von Vivian Pasquet gelesen, der über den Gang in ein Hospiz berichtet hat. Und sofort war da die Idee einer Geschichte, eines „was wäre, wenn“.

• Als junger Mensch setzt man sich nicht unbedingt mit dem Thema Sterben auseinander. Wie kam es dazu?

Das 12-jährige Kind in mir freut sich jedes Mal, wenn mich jemand als jungen Menschen bezeichnet. Sterben ist auf eine ganz komische Art immer präsent, aber oft nicht in unserem Alltag, sondern an speziellen Orten wie einem Friedhof, eine Notaufnahme, ein Hospiz.

Vielleicht ist das Problem, dass wir uns nur mit dem Tod auseinandersetzen, wenn wir dazu gezwungen werden. Ich glaube, es muss eine gesunde Art geben, das Sterben als Teil des Lebens mitzudenken und ihm dadurch diese dunkle Macht zumindest so ein bisschen zu nehmen.

• Gerade Ihre Beschreibung der Zeit im Hospiz ist sehr eindrücklich. Was haben Ihre Recherchen und das Schreiben des Romans bei Ihnen selbst bewirkt?

Ich habe erstmal gemacht, was ich meine Hauptfigur machen lasse: Dinge geregelt. Mich bei Menschen entschuldigt und Dinge ausgesprochen, die ein paar Jahre geschwelt haben. Jetzt und nicht erst mit dem Mut des Verzweifelten. Das war nicht einfach und es ist auch nicht immer positiv ausgegangen. Nur weil ich Dinge klären will, heißt das nicht, dass die Gegenseite das auch möchte. Aber in Summe bin ich froh, dankbar, erleichtert, das gemacht zu haben. Diese Erfahrungen sind dann wieder in das Buch geflossen.

Ich habe gelernt, dass es ganz positiv sein kann, das Sterben aus der extremen Ecke in den Alltag zu bringen, natürlich damit auch das Leid zu verstärken, aber eben auch alle anderen Emotionen. Aus einer ganz pragmatischen Perspektive: Wie bei jeder anderen Deadline kommt nie das Beste dabei heraus, wenn wir die Aufgaben bis zum letzten Moment hinausschieben.

• Bei dieser schweren Thematik haben Sie sich aber eine gewisse Leichtigkeit in Ihrem Schreiben bewahrt. Woher nehmen Sie diese positive Energie?

Ich kann es Ihnen nicht sagen. Gute Gene. Okay, ich antworte mit meiner Ahnung davon.

Erstmal das Glück einer sorglosen Kindheit mit Eltern und Geschwistern, die mich lieben, wie ich sie liebe. Ich konnte aufwachsen mit dem Wissen, dass ich erstmal gut bin und geliebt werde. Alles andere – im Sportunterricht als letzter gewählt werden, gehänselt werden, weil meine Klamotten vom Flohmarkt kamen, unerwiderte erste Liebe, unzählige Absagen von Verlagen und Literaturzeitschriften – kam danach.

Dann durfte ich Sprechkunst studieren. Und da die Stimme das Ergebnis des Instrumentes ist, das wir Körper nennen, ging es zu einem großen Teil im Studium darum, sich – in jedem Sinne – selbst bewusst zu werden.

Als drittes sowas wie „Optimismus aus Erfahrung“. Ich glaube an Karma und ich gehe sehr bewusst lächelnd und positiv und freundlich durch die Welt. Und auch wenn das manche lächerlich finden, und ich mich auch selbst regelmäßig nicht ernst nehmen kann, in der Summe hat mich diese positive Einstellung ziemlich gut durch das Leben gebracht.