Unser Dezember-Buchtipp: „Die Märchen“ von Michael Köhlmeier

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Johanna Bonengel: Ein wunderbares Buch! Das genau in den Monat Dezember passt, auch wenn es so gar nicht weihnachtlich-heil ist.

Der österreichische Schriftsteller Michael Köhlmeier, geboren 1949, hat neben vielen höchst lesenswerten Romanen – darunter „Zwei Herren am Strand“ und „Bruder und Schwester Lenobel“ – eine alte Kunst wiederbelebt: Das Nacherzählen von alten Sagen, Mythen und Märchen. Auf der Bühne und im Fernsehen konnte man sich entführen lassen von seiner sanften und mitreißenden Stimme in die Fremde und in die Vergangenheit. Dem Märchen gehört Köhlmeiers große Passion: „Im Kern einer jeden Geschichte sitzt ein Märchen. Davon bin ich überzeugt.“

Michael Köhlmeier hat 2019 ein Märchenbuch für Erwachsene geschrieben. Er ist ein begnadeter Erzähler, der das etwas aus der Zeit gefallene Genre wiederbelebt. Er hat die uns bekannten Märchen neu geschrieben, und es wurden sehr abgründige, manchmal etwas gruselige, auch wunderschöne und erhellende Märchen. 151 an der Zahl. Die Leserinnen und Leser werden mitgenommen in eine Welt, die den (Alb-)Träumen entsprungen ist. Die Geschichten werden zu Spiegelbildern unserer Zeit, in der verdammt verrückte und abgründige Dinge geschehen. Bedrohliche Szenarien öffnen sich. Der Autor interessiert sich für die spielerischen Möglichkeiten des Märchens; die Handlung ist nicht immer logisch, sondern eher absurd. Vielleicht wollen die Köhlmeier-Märchen die Angst bannen. Das Figurentableau entstammt den klassischen Märchen, sie erleiden aber Neues und Unerlebtes.

Ein Beispiel: In dem Märchen „Auf nach Jerusalem“ geht es um den schönen Edelmann Gherardino, der in Venedig lebt und ein überaus glücklicher Mensch ist. Alle lieben ihn. Er ist reich, wofür er nicht hart arbeiten muss, der Reichtum ist einfach da. Auch die perfekte Frau spaziert eines Tages an seinem Palast vorbei, er muss nur die Arme öffnen. Er ist gut zu den Armen. Sein Diener Grillo aber glaubt, dass in so viel Glück irgendetwas faul sein müsse. Der Teufel komme nicht nur als Mann des Grauens, sondern auch als Mann des Glücks. Gherardino nimmt die Sorgen seines Dieners ernst. Mit einer Reise nach Jerusalem will er den Teufel austreiben. Aber dafür muss er sein Zuhause und seine Familie verlassen. „Und weil der schöne Gherardino beides wollte, nämlich nach Jerusalem pilgern und zugleich nicht aus Venedig fortgehen, hat er folgende Idee: Bei einer Pilgerreise kommt es ja nicht auf das Ziel an, sondern auf den Weg. Und er verkündet: ‚Ich werde jeden Tag in meinem Palast fünf Stunden im Kreis gehen, bis ich soviel gegangen bin, wie der Weg nach Jerusalem lang ist. Und dann gehe ich auf dieselbe Weise wieder zurück.‘ Die Pilgerfahrt dauert Jahre. Die Menschen wenden sich ab vom schönen Gherardino. Die geliebte Frau verlässt den seltsam gewordenen Mann. Plötzlich ist das große Glück verschwunden. Gherardino wird ernst, alt und hässlich. Auch Grillo verlässt ihn. Am Ende muss Gherardino allein die Rückreise von Jerusalem antreten.

Eine düstere, oft melancholische Atmosphäre liegt über allen Märchen. Oft sind die Menschen bösartig und brutal. Ein Geschwisterpaar zum Beispiel, das von der Mutter gequält wird, gebiert Pflanzen, Tiere, Steine und Kinder, um sich eine ganz neue Welt zu erschaffen. Oder ein von Neid zerrissener Arzt operiert einer Prinzessin einen Käfer aus dem Gehirn, um ihn dann durch die eigene Nase in seinen Kopf krabbeln zu lassen und so an die Geheimnisse des Königshauses zu gelangen.

Die Köhlmeier-Märchen sind wohl eher nicht für Kinderohren gedacht. Köhlmeier verzichtet auf eine moralische Sentenz, wie wir sie bei den Brüder Grimm finden. Die Realität in seinen Märchen liegt im Räselhaften, im Unberechenbaren, im Doppelbödigen. Die Leserin, der Leser kann die Faszination für die Märchen-Form wieder finden. Happy End? Eher selten.

Dieses aufwendig ausgestattete Märchenbuch wurde von Nikolaus Heidelbach mit phantasievollen Zeichnungen liebevoll illustriert. Erschienen 2019 im Carl Hanser Verlag, München – es hat 807 Seiten.

Johanna Bonengel hat noch einen ganz besonderen Buchtipp auf Lager. Sie liest gerade „Liebe in Zeiten des Hasses. Chronik eines Gefühls 1929 – 1939“ von Florian Illies (S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main, 2021).

Dieses Buch ist brillant. Der Autor erzählt Geschichten vieler prominenter Persönlichkeiten aus den Zwanziger- und Dreißigerjahren und macht Geschichte so richtig lebendig. Das Panorama geht von Konrad Adenauer, Josephine Baker, Simone de Beauvoir, Max Beckmann, Gottfried Benn, Bertolt Brecht, Marlene Dietrich, Alfred Döblin, Joseph Goebbels, Josef Stalin, August Macke, Ernst Ludwig Kirchner, Erich Maria Remarque, Leni Riefenstahl über die Familien von Heinrich und Thomas Mann zu F. Scott Fitzgerald …

Viele Szenen, Momentaufnahmen, Querverbindungen zwischen den Protagonisten werfen Schlaglichter auf Liebe, Sex und Leidenschaft und machen das Abgründige dieser Zeit greifbar.

Kulturgeschichte vom Feinsten, dazu höchst unterhaltend, humorvoll, erhellend und sprachlich glänzend. „Lesen Sie bitte dieses Buch, es ist hinreißend. Ich habe so viel Neues erfahren, über die Liebe, die Kunst und das Grauen.“ Das sagt Ferdinand von Schirach, der viel von Literatur versteht.