„Die Überlebenden“ von Alex Schulman – Johanna Bonengels Buchtipp für Mai 2022

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Autor Alex Schulman. Foto: privat

Die Unfähigkeit der Erwachsenen und die Ängste der Kinder
Der starke Sog einer Familiengeschichte

Als Alex Schulmans Roman in deutscher Übersetzung 2021 erschien, reagierten die literarischen Feuilletons nahezu euphorisch. Werner Bartens begründet in der Süddeutschen Zeitung seine Begeisterung damit, dass Schulman „dem Alltäglichen beiläufig so viel Grauen abgewinnen kann und damit die abschüssigen Geröllhalden der menschlichen Seele freilegt. Die Wucht und die Nuancen der Gefühle sind atemberaubend.“ Gerit Bartels vom Tagesspiegel bewundert die „atmosphärisch dichte und präzise Erzählform“ und den Erzählaufbau des Romans. Schulman lässt nämlich die drei Brüder Pierre, Benjamin und Nils zu Beginn des Romans an den Ort ihrer Kindheit zurückkehren, in ein Holzhaus an einem See, um hier die Asche ihrer Mutter zu zerstreuen. Der Tag ihrer Begegnung – sie haben sich seit zwanzig Jahren nicht mehr gesehen – wird mit Uhrzeitangaben in den Kapitelüberschriften aus der Perspektive des mittleren der drei Brüder, Benjamin, rückwärts im Zweistundentakt erzählt, Beginn 23.59 Uhr. Die chronologische Erzählung erweist sich als Benjamins Erinnerungsprozess in einer Therapie und wechselt sich ab mit Passagen, in denen ein auktorialer Erzähler die Geschichte der Familie rekapituliert. Beide Zeitebenen stoßen am Ende des Romans um 0 Uhr des Beerdigungstages zusammen.

Der Familienroman legt die Schattenseite einer schwedischen Idylle frei. Die Rückblicke auf den Sommer der Familie, in dem sie in Abgeschiedenheit an einem See und von einem märchenhaft bedrohlichen Wald umgeben sind, erzählen eine Familiensituation, die einen abgründigen Charakter hat: Vater und Mutter, beide Alkoholiker, leben in gegenseitiger Ablehnung; er erschrickt mit seinen plötzlich hervorbrechenden Grobheiten; sie wirkt sehr fremd in ihrer psychischen Labilität. Die drei Söhne (sieben, neun und dreizehn Jahre alt) finden in ihrer Unterschiedlichkeit nicht zueinander. Ihre Eltern können Zuneigung für die Kinder nicht zeigen; sie wechseln unmotiviert und unbeholfen zwischen unsinnigen Strafaktionen und Grobheiten oder der Aufforderung, im eiskalten See gegeneinander anzutreten. Vater und Mutter gelingt es nicht, auf die Bedürfnisse ihrer Kinder einzugehen, sie torkeln von einer Gemeinheit zur anderen, unbeholfen und stumpf. Und die drei Jungen belauern sich, bis ein Unfall im Trafohäuschen im Wald die Familie auseinanderreißt und traumatisiert.

Schulman erzählt das traurige Sterben des Vaters und die Verwahrlosung der Mutter, deren Tod die einander völlig fremd gewordenen Söhne nach 20 Jahren wieder zusammenführt. Aber in der Wiederbegegnung reißen die Gräben wieder auf, so dass ihre Begegnung sich zu einer aggressiven Auseinandersetzung steigert, der einen Polizeiansatz nach sich zieht. Damit beginnt der Roman. „Sie weinen, halten sich im Arm. Sie tragen Anzug und Krawatte. Neben ihnen im Gras steht eine Urne.“ Sie bringen es fertig, miteinander zu reden.

Die Geschichte besteht aus einer verhängnisvollen Mischung aus Trauer und Trauma und legt das verborgene Gefühls- und Beziehungslabyrinth frei, das die Leserin und den Leser erschüttert. Bestechend geschrieben in einer klaren und unpathetischen Sprache. Die genau gezeichneten Figuren ziehen immer stärker hinein in die Familiengeschichte, die die Unfähigkeit zu lieben zeigt, die Ängste, ungestillte Sehnsüchte, den undurchdringlichen, erstarrenden Gefühlskäfig, die Verlorenheit. Große Leseempfehlung!

Alex Schulman wurde 1976 in Hemmesdynge geboren, sein Memoir „Glöm mig” wurde in Schweden 2017 zum Buch des Jahres gekürt. „Die Überlebenden” ist sein erster Roman, von der schwedischen Presse gefeiert, stand er wochenlang auf Platz 1 der Bestsellerliste.

„Die Überlebenden“, dtv, München 2021, 302 Seiten, 22 €.