Johanna Bonengels Buchtipp: „Lichtungen“ von Iris Wolff

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Iris Wolff © www.foto-praxis.eu Konrad Lenz -Freiburg

Ein brillant geschriebener Roman voller Verletzungen und Sehnsüchten.

„Lichtungen“ ist eine Freundschafts- und Liebesgeschichte und die Geschichte von Kato und Lev, „sorgend-sehnend“ das Grundgefühl. Sie wird außergewöhnlich erzählt, nämlich in neun Kapiteln vom Ende her. Die Geschichte beginnt mit dem Kapitel neun und endet mit dem Kapitel eins. Der Anfang ist ein Schluss ist ein Anfang.

Während des Lesens von „Lichtungen“ erschließt sich Schicht um Schicht, öffnen sich Lebenslinien, die auseinanderdriften und wieder zusammenfinden.
Ein Netz aus Wahrnehmungen, Verletzungen und Sehnsüchten wird spürbar, aber nicht sichtbar; denn über sie wird kaum gesprochen.
Es zeigt sich eine Haltung, die während der von Kommunisten dominierten Zeit eine Selbstverständlichkeit war, um sich nicht in Gefahr zu bringen: „Gut war man geworden. Im Wegsehen, Weghören. Auch: Wegdenken.“
Das Politisch-Gesellschaftliche ist unter der Oberfläche immer präsent – der Terror der Securitate, das Reaktorunglück in Tschernobyl, der sehnsüchtige Blick in den Westen. Und nach der Öffnung des Ostens ist die Gefahr da, alles zu vergessen. „Erinnerungen waren über die Zeit verstreut wie Lichtungen.“

In Zürich setzt der Roman ein. Lev findet Kato in dieser Stadt wieder. Beide sind fast vierzig Jahre alt, kennen sich seit Kindesbeinen an. Und an den Anfang geht die Geschichte zurück, in ihre gemeinsame Heimat, ihre rumäniendeutsche Herkunft, in das sozialistische Rumänien von Ceausescu. Sie lebten in einer „preisgegebenen Welt“. Das Mädchen Kato wuchs zusammen mit ihrem alkoholkranken Vater auf. Sie hatte ein Ziel: Nur weg von hier. Levs Leben ist festgehakt in einem kleinen, grauen Dorf zusammen mit seiner Mutter, seinen Großeltern und seinen beiden Halbgeschwistern. Kato und Lev sind Außenseiter im Dorf, er, der Antriebslose, sie, die Starke, die künstlerisch Talentierte. Beide sind die Hinguckenden, die Beobachtenden, nicht die Mitmachenden. Sie kommen sich nahe, als das Mädchen dem kranken Lev die Hausaufgaben ans Bett bringen muss.

Kato verlässt mit einem Fremden nach dem Ende des kommunistischen Regimes in Osteuropa das Dorf und verschwindet Richtung Westen. Lev bleibt. Für Lev bedeutet das, mit Kato die „Lichtungen“ in seinem Leben zu verlieren. Die Tür zur Welt hat sich für ihn geschlossen.

Lev bricht die Schule ab, wird Soldat und Waldarbeiter, alles misslingt ihm, bis er in einer Sägerei Arbeit findet. Kato zieht es als Pflastermalerin in die Welt mit Stift, Pinsel und Kreide und verdient damit Geld. Sie wohnt in einem Land Rover. Fünf Jahre sehen sich die beiden nicht, bis Kato ihrem Jugendfreund eine Postkarte aus Zürich mit dem schlichten Text schickt: „Wann kommst du?“ Am Anfang des Romans stehen beide auf der Münsterbrücke in Zürich. Lev schaut bewundernd Kato bei ihrer Tätigkeit als Pflastermalerin zu und versucht, sich in der für ihn fremden Großstadt zurechtzufinden. Ihre frühere Verbundenheit flammt wieder auf. Lev begleitet Kato auf ihren Reisen und rekonstruiert dabei seine eigene Geschichte. Aber ob diese feine Liebesgeschichte trotz der unterschiedlichen Lebensentwürfe eine Zukunft hat, bleibt offen. Denn die Reise in die Vergangenheit stellt auch immer die Frage nach der Zugehörigkeit, der Identität, der „Zuteilung in Deutsch oder Rumänisch“. Das Fazit: „Man ist, einmal gegangen, immer ein Gehender.“

Iris Wolffs „Lichtungen“ ist ein feines, ein poetisches, ein eindringliches Buch. Große Leseempfehlung!

Zur Autorin Iris Wolff: Geboren 1977 in Hermannstadt, Siebenbürgen, sie studierte Germanistik, Religionswissenschaft, Grafik, Malerei. Als Achtjährige musste sie ihr Herkunftsland verlassen. Diese Erfahrung prägt die Autorin stark; sie kommt nicht los davon. Immer wieder reflektiert sie sorgsam ihre geografischen und emotionalen Wurzeln und verarbeitet sie in ihren literarischen Werken.
Iris Wolff ist Mitglied des internationalen Exil-PEN und erhielt zahlreiche renommierte Auszeichnungen. Der Roman „Unschärfe der Welt“ (2020) wurde von deutschen und Schweizer Buchhändlerinnen und Buchhändlern zu einem der fünf beliebtesten Bücher gewählt. Iris Wolff lebt in Freiburg im Breisgau.

Iris Wolff: Lichtungen. Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2024, 24 €.