Buchvorstellung: Kafkaesker Pageturner voller Zeitgeschichte: „Skarabäus“ von Hubertus von Prittwitz

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Hubertus von Prittwitz (c) Thomas Schumacher.

Eine Flucht in die Hölle, die so tatsächlich erlebt wurde: Mit seinem Roman „Skarabäus“ (Europa Verlag, ET: 27. Juni 2024) liefert Hubertus von Prittwitz ein rasantes Debüt. Ein ebenso sprachlich brillanter, wie mutiger Roman mit einem starken Protagonisten. Er erzählt die Geschichte einer dysfunktionalen, uralten Adelsfamilie.

Die Wahrheit ist die beste Lüge. Das lernt der achtjährige Friedrich von seinem Vater. Im Gerichtssaal sieht er seine Schwester das letzte Mal. Sein Vater, ein Spion des BND, trennt ihn für immer von seiner Mutter und seiner Unschuld. Im goldenen Käfig in Neuried bei München züchtigen der Missbrauch seiner Stiefmutter und der Kontrollwahn des Vaters den Abtrünnigen. Nach mehreren gescheiterten Versuchen gelingt die Flucht über Indien, Kairo und den Sudan in das Strafgefangenenlager des Men-schenfressers. Hubertus von Prittwitz rasanter Roman erzählt die Geschichte eines Überlebenden.

Atemlos folgt man Friedrich durch diesen Albtraum von einem Kinderleben, seine Fluchtversuche, und als es endlich gelingt, während die Mauer in Berlin fällt, das Strafgefangenenlager.

„Sein Vater ist BND-Spion und macht aus der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten ein Familienunternehmen und errichtet innerhalb der Familie eine unüberwindbare Mauer, während er den Kauf der DDR vorbereitet. Friedrich versucht, aus diesem bizarren Gefängnis zu fliehen. Als die Flucht gelingt, landet er in der Hölle, aber die Mutter schaut dem Treiben irgendwann nicht mehr tatenlos zu. Tatsächlich erlebt, ob man es glaubt oder nicht.“ Hubertus von Prittwitz

Hubertus von Prittwitz, geb. 1969 in München, studierte Politikwissenschaft in München und Berlin. Er arbeitete als freier Eventmanager vor allem im Sportbereich, als Texter, Redakteur, Übersetzer aus dem Englischen und Lektor mit Schwerpunkt Wirtschaft, Finanzen und Deutsche Militärgeschichte. Seit vielen Jahren koordiniert er im Hauptschaltraum der Deutschen Welle unendlich viele gute und schlechte Nachrichten aus aller Welt – einer Welt, mit der er sich gut auskennt. Denn er geht nicht nur gern auf Weltreise, um zu schreiben, sondern auch um zu überleben. Hubertus von Prittwitz hat zwei Kinder und lebt in Berlin.

Skarabäus, Europa Verlag, ET: 27. Juni 2024, 296 Seiten, 25,00 €.

 

»Transgenerationale Traumatisierungen sind ein Modethema«
– im Gespräch mit dem Autor Hubertus von Prittwitz

Skarabäus, der Debütroman von Hubertus von Prittwitz, ist im Europa Verlag erschienen. Friederike Römhild, Lektorin und Autorenberaterin aus Berlin, hat den Autor in Kreuzberg getroffen und mit ihm über seine adelige Herkunft und Familiengeschichte, seine Flucht in die Hölle und die Frage gesprochen, wann ein Mensch eigentlich frei ist.

Worin besteht die Bürde einer adeligen Familie?

Die Bürde ist natürlich der Druck, der mit der Familientradition einhergeht, der man irgendwie gerecht werden soll. Ich wurde als Thronfolger für ein Königreich erzogen, das es gar nicht mehr gibt. Das macht es so absurd. Man ist überhaupt nicht in der Lage, den Traditionen gerecht zu werden, weil man dem seit 200 Jahren andauernden Drang der Menschen zur Individualisierung nicht mehr nachkommen kann. Das schneidet einen von der Familiengeschichte ab. Und das ist der große Vorteil, dass man zugleich entindividualisiert wird.

Wer ist Friedrich und wer sind seine stärksten Gegner in der Familie?

Der Junge wird zu einem Krieger erzogen. Er befindet sich zwischen den Fronten, im Niemandsland, hin- und hergerissen zwischen Mutter und Vater. Der Vater denkt, dass alles stirbt, was er liebt, und dass er nicht lieben darf. Er wählt die Stiefmutter als Stellvertreterin aus, die Friedrich auf fieseste Art missbraucht, viel besser als seine leibliche Mutter, die deshalb gehen muss. Im Gegenzug bewahrt der Vater das Geheimnis seiner zweiten Frau. Die beiden ergänzen sich wunderbar. Die leibliche Mutter hat etwas von einem Gegenspieler, auch wenn sie später versucht, ihren Sohn zu retten.
Friedrich nimmt auch viele Menschen als Feinde wahr, die keine sind, seine Schwester zum Beispiel.

Zunächst sind wir in Friedrichs Elternhaus. Sein Kosmos ist Neuried. Was ist das für eine Gegend?

Neuried ist das Dorf der Spione, eine Neubausiedlung, in der sehr viele BNDler leben. Sie werden von den Geheimdiensten aus aller Welt bespitzelt. Besonders Stasi- und KGB-Agenten folgen einem aufwendigen, superkapitalistischen Lebenswandel, um nicht aufzufallen, während die Geheimdienstler des Westens absichtlich ein langweiliges und bescheidenes Leben führen, um ebenfalls nicht aufzufallen. Dass ist die Perversion der westlichen Gesellschaft, in der die Armen Formel-1-Wagen fahren und die reichen Leute keinen Urlaub machen.

Friedrich lebt eingesperrt in dieser engen Welt und wird missbraucht. Wie zeigt sich seine Traumatisierung?

Transgenerationale Traumatisierungen sind ein Modethema. Friedrich entwickelt durch den individuellen Missbrauch eine Traumatisierung, und die gesellschaftliche Traumatisierung offenbart sich in der Sinnlosigkeit der alten Mechanismen, die Gesellschaft funktioniert nicht mehr. Das zeigt sich in Wiederholungsschleifen. Ständig werden Sachen wiederholt, vor allem schlechte Witze.

Friedrich hat paranoide Wahnvorstellungen, verletzt sich selbst. Er ist sexuell unsicher und versucht, das Geschlecht seiner Stiefmutter anzunehmen, um nicht mehr wie ein Opfer zu riechen. Friedrich leidet an der REM-Schlaf-Verhaltensstörung, hat permanente Kopfschmerzen und Übelkeit.

Die Potenz, der Stammhalter ist ein sehr wichtiges Thema.

Er gerät auch in die Prostitution, um seine Flucht zu finanzieren.

Es ist mehr die Angst vor Sexualität, die einen in die Prostitution treibt. Da gerät man nicht hinein, sondern das wählt man, um die eigene Angst zu kontrollieren. Da geht es um einen gesellschaftlichen Standard. Die Potenz, der Stammhalter ist ja ein sehr wichtiges Thema in solchen Familien. Für Frauen gilt das auch, aber da sollen andere was zu sagen. Ich sehe nur diese Angst.

Die Familie ist wie Deutschland in zwei Systeme geteilt. Wer ist der Westen, wer ist der Osten?

Ich entwickle kein Bild von Ost und West, das ich auf die Familie übertrage, sondern die politische Geschichte hat sich in die Familiengeschichte eingeschrieben. Friedrichs Vater teilt die Familie in Ost und West, um seiner Arbeit als hochrangiger BND-Agent besser nachkommen zu können. Friedrich ist der Osten und wird so behandelt, wie sich sein Vater einen Ossi vorstellt, gleichzeitig wächst er im verwöhnten München auf. Seine Schwester, die leibliche Mutter und ihr zweiter Mann sind der Inbegriff des kapitalistischen Wessis, hoch narzisstisch, wahnsinnig reich, extrem amerikanisiert.

Friedrich flüchtet zuerst nach München, wer sind seine Helfer?

Das ist die Nachbarsfamilie, die total verstört ist, dass sie in diesem Dorf der Spione gelandet ist und gar nicht wahrhaben kann, dass es sowas gibt. Sie sind die neue Welt, die neue Zeit, die anbricht. Sie sind ökologisch bewusst, die Frau hat eine ganze andere Rolle in der Familie, es gibt eine Art von Gleichberechtigung, der Vater ist Professor und geht gerne in Nepal Bergsteigen.

Friedrich wird groß und stark. Er wird zu einem Star.

Nach den ersten gescheiterten Fluchtversuchen führt ihn seine Flucht nach Indien. Gelingt die Flucht?

Franz-Joseph Strauß, der damalige Ministerpräsident von Bayern, ist so wütend auf meinen Vater, weil dieser Milliardenkredite an die DDR vermittelt hat, dass er ihn nach Indien versetzt. In Indien hat Friedrichs leibliche Mutter keinen Zugriff mehr auf ihren Sohn, dadurch werden die Eltern entspannter. Friedrich wird groß und stark. Er wird zu einem Star. In Indien erfährt er, dass es eine vollkommen andere Welt gibt, die funktioniert, aber völlig apokalyptisch wirkt. Die Leute leben massenweise auf der Straße und Frauen werden komisch behandelt. Er begreift, wie absurd die Heldenverehrung in seiner Familie ist. Es ist aber keine richtige Flucht, da er seinem Vater folgen muss.

Friedrich muss nach Deutschland zurück, um sein Abitur zu machen. Kehrt er da erneut in ein adeliges Umfeld zurück?

Es ist ein Mélange aus dem Adelsmilieu, internationalem Industriellentum und Diplomatentum. Er kommt nach Hinterzarten und besucht ein Internat. Im Schwarzwald setzt sich der Zwang fort, das Familiengefängnis aufrecht zu erhalten. Sein Vater, Praetorius, verpfeift ihn an die Bundeswehr, damit er ihm weiterhin dient und das Töten lernt. Im Prinzip müsste er gar nicht zur Bundeswehr, weil er im Ausland gemeldet ist.

Wieso schlägt er keine elitäre Karriere ein, sondern geht in den Sudan?

Friedrich war in der Pubertät und hätte sagen können, »ok, vergessen wir die Kindheit, ich bin trotzdem in einem ziemlich wohlhabenden internationalen Umfeld groß geworden.« Aber im Schwarzwald zeigt sich, dass seine Überwachung gnadenlos weitergeführt wird. In den Sudan will er wegen Osama Bin Laden. Friedrich kriegt mit, dass sich dort ein junger Mann aus Saudi-Arabien an seinem Vater rächt und ein internationaler Terrorist wird, um die USA zu bestrafen. Die Geheimdienste kommen da nicht hin. Kein Kontakt zu Deutschland. Es war fantastisch.

Fuck you, ich gehe jetzt zu Fuß weiter.

Wie kommt er in das Strafgefangenlager des Menschenfressers?

Indem er sich vom Widerstand der autokratischen Behörden des Sudans und des fundamental-islamistischen Regimes nicht aufhalten lässt. Friedrich sagt »Fuck you, ich gehe jetzt zu Fuß weiter« und landet wieder in einem geteilten Dorf. Die Grenze ist gesperrt, aus politischen Gründen, und es kommen nur muslimische Schmuggler über diese Grenze. Der Teil, in dem Friedrich ankommt, ist ein Strafgefangenenlager eines abwesenden Kannibalen, der ist natürlich ein Bild für seinen Vater.

Aber nicht der Vater geht da zugrunde, sondern Friedrich. Kommt er durch?

Er wird von innen heraus zerfressen, erlebt schlimme Hungersymptome und Wahnvorstellungen. Er nimmt jede Hilfe an, die er kriegen kann, vom Militär, das ihm UNESCO-Futter gibt und von den Flüchtlingen, die ihm Drogen geben. Die französische Herrschaft, die die Diktatur in diesem Land etabliert hat, überträgt alte Ressentiments aus dem deutsch-französischen Krieg von 1872 auf ihn. Sie wollen, dass er stirbt, am ausgestreckten Arm verhungert und dort zurückbleibt.

Ihm gelingt seine Flucht immer nur etappenweise, aber ist er am Ende frei?

Nein, eigentlich ist er tot im Sudan. Die Grausamkeiten finden in einem Zustand des Todes statt und sind Berichte von Toten. Dafür steht eben auch der Käfer. Und dann kommt ja erst das Ende in Berlin, das ich nicht verrate, da lösen sich die Sachen nochmal politisch und auch mit Hinsicht auf seine leibliche Mutter und seine Schwester auf. Das ist dann 1989/90.

Wie kann der Skarabäus ein Talisman sein, wenn er für den Tod steht?

Das Ungeziefer, die Geräte, die Strafkolonie sind Anspielungen auf Kafka. Aber da gibt es auch die Familie und das Essen. Das Ungeziefer ernährt sich von den Abfällen dieser Familie und kann die Zukunft vorhersagen. Kafka wollte, dass es ein Ungeziefer ist und explizit nicht der Skarabäus, aber der Skarabäus rollt die Dungkugel über das Firmament und wird vom roten Stern getötet, das ist der rote Apfel in Kafkas Verwandlung. Und die Kugel ist die Familiengeschichte, in der der Mistkäfer, ein wunderschönes Tier, seine eigene Brut steckt, die sich von seinem Dung ernährt. Er steht für den Reinkarnationsgedanken, einen Zyklus, der außerhalb unserer Macht steht.

Dein Roman basiert auf wahren Begebenheiten. Wie viel Fakt und wie viel Fiktion enthält er?

Das ist alles Lebensgeschichte. Einiges ist erfunden, weil viel weggelassen und verändert wurde, um die Geschichte erzählen zu können. Es ist mir ganz wichtig, dass die Geschichten erlebt sind. Um Wahrheit geht es nicht. Etwas verstehen zu wollen, ist eine Zwangsstörung.

Ich wollte die Verarschung einer Coming-of-Age-Geschichte schreiben.

Wir können also entscheiden, ob wir den Roman als Fiktion oder als eine Wahrheit lesen?

Es geht genau darum. Das Making-of meines Romans spiegelt nochmal den inhaltlichen Bezug zu Wahrheit und Lüge wider.

Warum hast du die personale Erzählperspektive gewählt und nicht die Ich-Perspektive wie die meisten Coming-of-Age-Romane?

(Hubertus lacht.) Ich wollte eine Verarschung einer Coming-of-Age-Geschichte schreiben. Ich musste in der dritten Person schreiben, weil ich mir überhaupt nicht sicher war, wer dieses Ich hätte sein sollen.

Deine Stoffe entwickelst du auf Reisen. Wie beeinflusst das Reisen dein Schreiben?

Ich habe wahnsinnig viel auf Reisen geschrieben. Durch die Traumatisierungen und den Missbrauch habe ich ein Nervenleiden, und wenn ich in den Süden reise, dann befreie ich mich vom Schmerz. Ich spüre ihn nicht mehr. Ich habe aus dem Reisen und der Flucht eine Arbeitsform gemacht, um die Welt zu erforschen. Es ist eine Form der Selbstrettung. Ich konnte auf Reisen erkennen, wo meine Zwangshandlungen liegen, und mich verorten, mich abwerfen.

Lieber Hubertus, vielen Dank für das Gespräch.
© Das Gespräch führte Friederike Römhild, Berlin, 11. Juni 2024.