Die Realität ist das Fantastische – Kunsthalle Schweinfurt

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Ausstellungen
Herbert Zangs, o.T., Scheibenwischer-Reihung, 1980er-Jahre. Foto: Joachim Schwingel © Nachlass Herbert Zangs, Galerie Maulberger München

„Herbert Zangs und Hubert Berke – Die Realität ist das Fantastische” vom 31.10.2025 bis 08.02.2026 in der Kunsthalle Schweinfurt

Mit der Ausstellung „Herbert Zangs und Hubert Berke – Die Realität ist das Fantastische, die am 30. Oktober um 19 Uhr eröffnet wird, führt die Kunsthalle Schweinfurt ihren programmatischen Fokus auf die Vielfalt informeller Tendenzen der deutschen Nachkriegskunst konsequent fort. Nach der Frühjahrsschau InformELLE widmet sie sich im Herbst nun zwei herausragenden, wenn auch unterschiedlich verorteten Künstlerpersönlichkeiten, deren Werk zwischen Abstraktion, Materialkunst und konzeptueller Erfindungskraft neue Wege der künstlerischen Praxis beschritt.

Herbert Zangs (1924–2003) zählt zu den außergewöhnlichsten und eigenwilligsten Künstlerpersönlichkeiten der deutschen Avantgarde nach 1945. Dennoch blieb ihm die gebührende Aufmerksamkeit in der kunsthistorischen Rezeption bislang weitgehend verwehrt. Bereits ab den frühen 1950er-Jahren entwickelte er ein vielgestaltiges Œuvre, das zwischen Informel, Monochromie, Objektkunst und Konzeptkunst changiert. Seine künstlerischen Mittel reichten von Collagen über Materialassemblagen bis hin zu bearbeiteten Fundobjekten. Mit seinen „Verweißungen“ von Fundstücken und Dingen des Alltags sprengte Zangs die Grenzen der abstrakten und informellen Kunst. Trotz einer gewissen Nähe zur ZERO-Bewegung sah sich Zangs stärker der Gruppe der „Nouveaux Réalistes“ Frankreichs verbunden. Werkgruppen wie die „Faltungen“, „Pinselabwicklungen“, „Scheibenwischerbilder“, „Blasenbilder“ oder seine „Anti-Bücher“, mit denen er 1977 auf der documenta 6 vertreten war, bezeugen sein konsequentes Arbeiten an der Erweiterung des Bildbegriffs. Durch sein lebenslanges Streben nach neuen künstlerischen Ausdrucksformen und seine kompromisslose Experimentierfreude nimmt Zangs eine Pionierrolle innerhalb der der deutschen Kunst nach 1945 ein. Mit seinem radikalen Denken und Schaffen wurde er zum Wegbereiter für nachfolgende Künstlergenerationen, die seine Grenzverschiebungen und den offenen Werkbegriff aufnahmen und weiterentwickelten.

Herbert Zangs, o.T., Antibuch, um 1976.
Foto: Joachim Schwingel © Nachlass Herbert Zangs, Galerie Maulberger München

In der Ausstellung tritt das Werk von Herbert Zangs in einen spannungsvollen Dialog mit ausgewählten objekthaften Arbeiten von Hubert Berke (1908–1979). Berkes Beitrag zur informellen Malerei wurde bereits 2021 umfassend mit einer Einzelausstellung in der Kunsthalle Schweinfurt gewürdigt. Mit seinen Skulpturen und Assemblagen entwickelte Berke nach und nach ein ganz eigenes subversives, oft humorvolles Vokabular. Durch die Kombinationen von Schrottteilen, Werkzeugresten und Fundobjekten ergeben sich skurrile, bewegte Installationen mit gesellschaftskritischem Unterton. Seine fantasievollen Figurinen – Göttinnen, Gespenster, tierähnliche Wesen – eröffnen eine spielerische, fast märchenhafte Dimension innerhalb des Informellen.

Die Präsentation lädt dazu ein, die scheinbaren Gegensätze von Überschuss und Reduktion, Konzept und Improvisation, Ernst und Ironie als produktive Spannungsfelder innerhalb der deutschen Nachkriegskunst zu begreifen – und die Realität als etwas Fantastisches zu erleben.

Die Ausstellung ist eine Kooperation zwischen der Kunsthalle Schweinfurt mit dem Nachlass Herbert Zangs, Galerie Maulberger, München und dem Emil Schumacher Museum, Hagen. Begleitend ist ein reich bebilderter Katalog erschienen, der das Werk von Herbert Zangs kunsthistorisch einordnet und neue Perspektiven auf sein Schaffen eröffnet. Beiträge von Emmy de Martelaere und Carolin Weber beleuchten seine künstlerischen Strategien und dokumentieren eindrucksvoll die Relevanz seines Œuvres für die Entwicklungen der Kunst ab 1950. Der Katalog kostet 30 Euro und ist im Museumsshop der Kunsthalle Schweinfurt erhältlich. Das Vermächtnis von Hubert Berke wird heute mit großem Engagement von seinen Kindern in der Erbengemeinschaft Hubert Berke in Wesseling bei Köln bewahrt und gepflegt.

Auch 2026 setzt die Kunsthalle Schweinfurt die Auseinandersetzung mit der informellen Nachkriegskunst fort. Geplant ist eine Ausstellung mit Werken von Conrad Westpfahl aus dem Eigenbestand und Sigrid Kopfermann mit Leihgaben aus der Kopfermann-Fuhrmann Stiftung.

Das Begleitprogramm zur Ausstellung bietet vielfältige Möglichkeiten, die Ausstellung auf besondere Weise zu erleben. Am 1. November und am 17. Januar, jweils um 11 Uhr, lädt die Kunsthalle zur einer Kuratorenführung ein. Am 20. November, um 19 Uhr, verbindet „Kunst & Wein“ eine Führung mit einem Weintasting, begleitet von Hermann Neubert, dem ehemaligen Leiter der Museen Miltenberg. Für Kinder zwischen 6 und 14 Jahren findet in den Herbstferien, am 4. November und in den Weihnachtsferien, am 30. Dezember, jeweils von 10.30 bis 12.30 Uhr der Ferienworkshop „Winterweiß und schneeverwandelt“ statt. Nach einem Besuch der Ausstellung werden eigene Objektcollagen gestaltet, die anschließend „verweißt“ werden; die Anmeldung erfolgt über das Ferienprogramm der Stadt Schweinfurt.

Öffnungszeiten: Di-So 10-17 Uhr, Do bis 21 Uhr, jeden 1. Donnerstag im Monat freier Eintritt.

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