Johanna Bonengels Buchtipp: Toxische Pommes: „Ein schönes Ausländerkind“

2 Min. Lesezeit
Literatur

Traurig und gewitzt. Ein Roman über Integration, Entwurzelung und Ablehnung

„Was hat uns das neue Leben gekostet? Meinen Vater seine Stimme, meine Mutter ihre Lebendigkeit. Und mich?“ Diese Frage stellt sich die Ich-Erzählerin in „Ein schönes Ausländerkind“, dem Debütroman der TikTokerin, Kabarettistin und Influencerin Irina mit Künstlernamen Toxische Pommes, die in den sozialen Medien für ihre satirischen Kurzvideos über die schönen und hässlichen Seiten der Gesellschaft gefeiert wird. Die Geschichte der Ich-Erzählerin in dem Roman ist auch die Geschichte der Autorin. Bisher war mir die Autorin völlig unbekannt.

In „Ein schönes Ausländerkind“ erzählt sie von einer dreiköpfigen Familie, die aufgrund des Jugoslawien-Krieges in den 1990er Jahren aus dem Balkan nach Österreich und damit in ein Einwanderungsland flüchten muss. In ein „neues Leben“. Die Ich-Erzählerin ist zu diesem Zeitpunkt zwei Jahre alt. In Wiener Neustadt muss die Familie gegen das Gefühl der Entwurzelung und gegen gesellschaftliche Ausgrenzung kämpfen. Irina, die Ich-Erzählerin, wird von der Lehrerin als „Ausländerkind“ diskriminiert, schreibt jedoch in der Schule Bestnoten, promoviert, arbeitet in einer Behörde. Sie entwickelt sich zur Vorzeigemigrantin, kann aber kein Glücksgefühl entwickeln: „Ich hatte es geschafft. Ich hatte alles erreicht, wofür meine Eltern und ich ein Leben lang gearbeitet hatten. Ich war perfekt […]. Und trotz alledem fühlte ich mich innerlich tot.“ „Ich hatte meinen Teil des Integrationsversprechens eingehalten. Ich hatte den Ausländer in mir erfolgreich wegintegriert.“ Oft stellt sie sich die Frage: „Nun weiß ich nicht, ob es mehr wehtut, aus seinen Wurzeln gerissen zu werden oder niemals Wurzeln geschlagen zu haben.“

Dieser Frage geht die Autorin in ihrem Roman nach und erzählt dabei scharfsinnig und humorvoll nicht nur vom Alltagsrassismus in Österreich, sondern auch von der Beziehung zwischen einer Tochter, dem „schönen Ausländerkind“, und einem Vater, der sich selbst verliert. Er wird immer „kleiner“; denn er erhält keine Arbeitserlaubnis, hat Probleme mit der deutschen Sprache und isoliert sich mehr und mehr. Er verliert sich in der digitalen Welt. Das steht im Gegensatz zur Mutter der Ich-Erzählerin, die erst als Putzkraft, dann als Apothekerin, dann als Forscherin arbeitet. Davon erzählt die Autorin lakonisch, pointiert, auch manchmal makaber-komisch. Besonders dann, wenn sie der Kindheit in Kroatien nachgeht und das skurrile Leben ihrer Verwandten in fast allen Staaten Ex-Jugoslawiens aufs Korn nimmt. Der Roman und damit der erzählte Integrationsprozess enden mit einem für die ganze Familie positiven Integrationsbescheid. Zur Feier kleiden sich Mutter, Vater und Tochter mit Edelweißmotiven und Holzknöpfen und gehen speisen in ein gutbürgerliches Café in Wiener Neustadt.

Diese amüsante Szene verdeutlicht den bitteren Preis der Migration. Gewitzte Spitzfindigkeiten, gepaart mit Geschichten aus traurigen gesellschaftlichen Verhältnissen, machen den Reiz des Romans aus. Sehr lesenswert!

Toxische Pommes: Ein schönes Ausländerkind. Paul Zsolnay Verlag. Wien 2024. 23 €.

 

 

Schweinfurter Frauenwochen 2026 – informativ, unterhaltsam, abwechslungsreich

Weitere Artikel