„50 Jahre Groschenheft” – Anekdoten von „seinerzeit”, Teil 1

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„Lass’ die Sonne ins Herz“

Unsere ersten Redaktionsräume im Jahr 1976 lagen in einem Hinterhaus in der Schweinfurter Friedenstraße, direkt neben der Friedenschule. Jeden Morgen wurden wir zuverlässig – und ganz ohne Wecker – von der Schulglocke aus dem Schlaf geholt. Pädagogisch wertvoll war das vermutlich nicht, aber effektiv allemal.

Die Räume hatten wir von einem Freund aus dem Bayernkolleg übernommen, der sich im Sommer aufgemacht hatte, irgendwo ein Studium zu beginnen – vermutlich mit deutlich besseren Wohnverhältnissen. Uns blieb eine Zwei- oder Drei-Zimmer-Wohnung mit Toilette auf dem Gang und einem Schlafzimmer, dessen Wände komplett mit Fußballbildern tapeziert waren. Ich lernte dabei zweierlei: improvisieren – und sehr viel über Fußball, ohne mich je dafür interessiert zu haben.

Besuch bekamen wir anfangs selten. Das lag vielleicht auch daran, dass wir kein Telefon hatten. Wer uns erreichen wollte, musste entweder einen Brief schreiben oder sich tatsächlich persönlich auf den Weg machen – ein damals noch erstaunlich analoges Konzept.

Doch als unsere ersten Hefte erschienen, fand der eine oder andere tatsächlich den Weg zu uns. Eines schönen Tages klingelte es wieder. Ich öffnete die Tür – und stand einem Mann gegenüber, der aussah, als hätte er sich direkt aus einem Blumenkalender in unsere Realität verirrt. Er breitete die Arme aus und rief mit Inbrunst: „Lass´ die Sonne ins Herz!

Foto: ChatGPT

Ich war kurz versucht, nachzusehen, ob hinter ihm irgendwo eine versteckte Kamera stand, fing mich dann aber wieder und fragte, worum es gehe. Der junge Mann erklärte, er fertige Lederwaren mit Glassteinen und verkaufe sie auf Märkten. Außerdem habe er gehört, dass es bei uns neuerdings Kleinanzeigen gebe – und genau dafür sei er hier.

Also baten wir ihn herein, führten ein Gespräch, tranken vermutlich Tee (das gehörte damals einfach dazu), notierten seine Anzeige und verabschiedeten ihn wieder. Er ging, wie er gekommen war: freundlich, überzeugt – und mit sehr viel Sonne im Herzen.

Über diesen überraschenden Besuch musste ich noch lange schmunzeln. Und irgendwie gehört er bis heute zu den Momenten, in denen unsere kleine Redaktion ein bisschen größer wirkte, als sie eigentlich war.

Und vielleicht war es genau das, was diese Zeit ausmachte: Man wusste nie so genau, ob gleich der Postbote, ein Autor – oder eben jemand hereinschneite, der einem ganz unvermittelt empfahl, die Sonne ins Herz zu lassen. Langweilig wurde es jedenfalls nie.

Text: Andreas Erbar – Herausgeber des Groschenhefts lässt uns anlässlich des 50-jährigen Jubiläums an Unvergesslichem teilhaben.

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