Aktuelles Interview und Buch: „Unter dem Strand“ – Ein Ostsee-Krimi

6 Min. Lesezeit
Literatur
Die Autorin Turid Müller © Torge Niemann

Mit ihrem Erstling „Im Schatten der Insel“ für den Glauser-Preis nominiert, veröffentlicht Turid Müller nun den Kriminalroman „Unter dem Strand“. Im Fokus: die Cap Arcona – ein Schiff, das Weltgeschichte schrieb und eine Tragödie am Kriegsende, deren Auswirkungen noch bis in die Gegenwart reichen. Die Hamburgerin mit Heimathafen in der Lübecker Bucht hat darin die schwere Geschichte ihrer beiden Lieblingsorte verarbeitet.

 Der Roman thematisiert vor dem Hintergrund historischer Ereignisse das aktuelle gesellschaftliche und politische Klima. Warum sie dafür das Medium Krimi gewählt hat?

„Weil wir einen Krimi vielleicht eher in die Hand nehmen als ein Geschichtsbuch“, sagt die Autorin. Gleichzeitig hat sie für den Roman so viel recherchiert, wie nie zuvor „Mir war sehr schnell klar: Ernsthaftigkeit und Tragweite der Thematik machen es erforderlich, historisch sehr exakt zu sein, fernab von Klischees zu bleiben, und mit den sensiblen und durchaus kontroversen Inhalten achtsam umzugehen“, dazu war es ihr wichtig, nicht nur theoretisches Wissen aus Büchern zu erwerben, sondern sie hat auch mit zahlreichen Institutionen und Fachleuten aus der Region zusammengearbeitet.

Das war neu für die Autorin: „Normalerweise ist Schreiben für mich eher etwas, wobei ich mich zurückziehe. Diesmal hat es mich mit der Welt verbunden. Viele verschiedene Menschen aus unterschiedlichsten Lebenswelten fanden das Thema so wichtig, dass sie sofort dabei waren, und mich auf ihrem Spezialgebiet begleitet haben – vom lokalen Fischer bis zu Angehörigen von Überlebenden. Dafür bin ich unheimlich dankbar.“

Zum Buch: Cay, gescheiterte Autorin, mit einem Leben voller Brüche, schlägt sich als Journalistin durch. Für einen ihrer Brotjobs fährt sie in die Lübecker Bucht: Zum 80. Mal jährt sich der 3. Mai, an dem in den letzten Tagen des Krieges die Cap Arcona sank. Doch bevor Cay recherchieren kann, findet sie am Schauplatz der Katastrophe die Leiche einer jungen Frau, die sich für das Gedenken an diese Tragödie eingesetzt hat.

Während Cay vor ihrer eigenen Vergangenheit flieht, läuft sie den Verantwortlichen von damals, die bis heute nicht zur Rechenschaft gezogen wurden, direkt in die Arme.

»Wehret den Anfängen haben wir immer gesagt! – Das ist längst durch. Wir sind schon mittendrin.«

Unter dem Strand, Kriminalroman, Verlag Piper, ET 2. April 2026, Taschenbuch, 14 €.

 

Uns wurde  folgendes Interview überlassen, wofür wir uns herzlich bedanken.

Jahrestag: Am 3. Mai 2026 vor 81 Jahren ereignete sich die Cap-Arcona-Katastrophe
Der Sohn eines Überlebenden Bruno Neurath-Wilson und Autorin Turid Müller („Unter dem Strand“)
über die Bedeutung des Unglücks für uns heute, dem Umgang mit Gedenken
und neue Wege der Erinnerungskultur zum Erhalt der Demokratie.

Turid Müller, mit ihrem Erstling „Im Schatten der Insel“ für den GLAUSER-Preis nominiert, hat jüngst ihren Kriminalroman „Unter dem Strand“ veröffentlicht. Im Fokus: die Cap Arcona – ein Schiff, das Weltgeschichte schrieb und eine Tragödie am Kriegsende, deren Auswirkungen bis in die Gegenwart reichen. Der Roman thematisiert vor dem Hintergrund historischer Ereignisse das aktuelle gesellschaftliche und politische Klima. Die Absicht der Autorin ist, die Erinnerung an die Geschehnisse lebendig halten und niederschwellig zugänglich machen, damit die Geschichte sich nicht wiederholt. Wilhelm Lange, Historiker und ehem. Leiter des Museums Cap Arcona Neustadt in Holstein dazu: Einen Ostsee-Kriminalroman zur Cap-Arcona-Tragödie vom 3. Mai 1945 zu schreiben, ist eine wirkliche Herausforderung. Kann ein Krimi dem ernsten Thema KZ überhaupt gerecht werden? Durch akribische Recherchen im Hinblick auf die Verquickung von unglücklichen Umständen, die zum Tode von über 7000 KZ-Häftlingen führten, ist dieses Vorhaben gelungen. Der „Fog of War“ wird aufgelöst. Leserinnen und Leser tauchen in eine spannungsgeladene Krimiwelt ein.“

Für Bruno Neurath-Wilson sind die Ereignisse ein Teil seiner Familiengeschichte. Sein Vater, Willi Neurath, war einer der wenigen Überlebenden der Katastrophe. Die bewegende Wiedervereinigung mit seiner Frau Eva am Strand von Neustadt-Pelzerhaken ist in den Arolsen Archives dokumentiert: „Eine Ahnung führte Eva Neurath zum Ufer. Sie wusste nicht, wo ihr Mann zu der Zeit inhaftiert war, geschweige denn, dass er sich auf den Schiffen befand, die nach dem Beschuss durch die britischen Bomber versenkt wurden. Auch Willi Neurath wusste nicht, wo seine Frau ist. Er wurde am Abend des 3. Mai von englischen Truppen vom Schiff gerettet. Am Ufer fand ihn seine Frau, die ihn an der Stimme erkannte.”

 

Herr Neurath-Wilson, wie war es für Sie, im Schatten dieser Geschehnisse aufzuwachsen? Inwiefern hat Sie das geprägt? Und was möchten Sie den Menschen gerne dazu mitgeben?

Bruno Neurath-Wilson: Ich bin dankbar für meine Eltern. Mit ihren Erfahrungen haben sie mein Weltbild geprägt und früh mein politisches Interesse geweckt. Meine Mutter hat es geschafft, ihren Mann im KZ Buchenwald zu besuchen – ihr Mut beeindruckt mich immer wieder, wenn ich darüber spreche. Ich habe als Jugendlicher verstanden, dass beide zu der sehr kleinen Minderheit von Antifaschist/innen gehört haben, die für Frieden und Freiheit eingetreten sind … und dafür ihr Leben riskiert haben. Ich empfinde Hochachtung für sie.

Wie ist es für Sie als Nachfahre eines Überlebenden, wenn jemand ein Buch, noch dazu einen Krimi, über die Katastrophe schreibt? Inwiefern kann Belletristik einen Beitrag zur Erinnerungskultur leisten?

Bruno Neurath-Wilson: Die Erinnerungskultur in Deutschland muss neue Wege gehen, weil die Überlebenden, die aus erster Hand berichten können, nicht mehr unter uns weilen. Die traditionellen Formen des Gedenkens müssen weiterentwickelt und an die Kommunikationsgewohnheiten jüngerer Generationen angepasst werden. Gedenken und Erinnern erschöpft sich nicht im Lesen historischer Bücher – es geht darum, Kopf, Herz und Bauch der Menschen von heute zu erreichen. Das kann mit spannender und zugleich tiefgründiger Lektüre gelingen

 

Turid Müller, Sie haben Bruno Neurath-Wilson durch die Recherche für „Unter dem Strand“ kennengelernt. Was hat Sie bei diesem Austausch besonders berührt? Und inwiefern hat das Eingang in den Kriminalroman gefunden?

Turid Müller: In meiner Romanhandlung kommen unterschiedlichste Gruppen von Menschen vor. Für mich war es wichtig, Ihre Perspektiven zu verstehen. Ich wollte sie gut abbilden und achtsam mit den sensiblen Themen umgehen. Darum bin ich sehr dankbar über Gespräche wie dieses. Und in der Tat hat es mich auch persönlich sehr bewegt. Mitgenommen habe ich vor allem das Anliegen, davon zu erzählen, dass die Menschen, die Opfer vom Nationalsozialismus geworden sind, nicht nur Opfer waren. Sondern in erster Linie natürlich Menschen, mit einem Leben, einer Biografie. Und häufig Aktivist*innen mit einem ungebrochenen Widerspruchsgeist. Teilweise buchstäblich bis zum letzten Augenblick. Und da waren wir uns sehr einig: Das ist ein wichtiges Vorbild. Gerade in diesen Zeiten, in denen wir um die demokratischen Errungenschaften und den Frieden fürchten müssen.

Waren „diese Zeiten“ auch ausschlaggebend für die Entscheidung, solche Inhalte in einen Krimi zu kleiden?

Turid Müller: Unbedingt. Ich möchte informieren. Auch Menschen, die in ihrer Freizeit nicht zu einem Geschichtsbuch greifen.

Und? Funktioniert das?

Turid Müller: Bei meiner Premiere hat mir jemand aus dem Publikum für meinen Mut gedankt, trotz meines Respekts vor der Tragweite des Themas darüber zu schreiben. Viele Menschen fühlen, was gerade auf dem Spiel steht. Und ich erlebe bei den Lesenden ein großes Bedürfnis nach Beschäftigung damit.

Bruno, Neurath-Wilson, haben Sie ein Schlusswort für uns zu diesem denkwürdigen Tag?

Bruno Neurath-Wilson: Ja, das habe ich. Lasst uns immer der Opfer gedenken, aber auch den Widerstand würdigen. Es waren wenige, aber es gab sie: Christ/innen, Sozialdemokrat/innen, Kommunist/innen, Liberale, Gewerkschafter/innen, aber auch so manche, die nicht politisch organisiert waren und als Einzelne Haltung und Mut bewiesen. Sie dürfen nicht vergessen werden.

 

 

„Meine wunderbare Landküche“: Einfach kochen, bewusst genießen

Weitere Artikel

Literatur

„Meine wunderbare Landküche“: Einfach kochen, bewusst genießen

Fotos: Anna Denner
Aktuelles

Wandertag des BRK-Waldkindergarten Üchtelhausen

Hexe Walpurga sorgt zur Walpurgisnacht im Fränkischen Freilandmuseum Fladungen für magischen Familienzauber. Foto: Renate Petrenko.
Aktuelles

Walpurgisnacht 2026 im Freilandmuseum Fladungen

Foto: Michael Grafberger
Aktuelles

Abenteuer & Allrad 2026 in Bad Kissingen

Aktuelles

44. Schweinfurter Seniorenwochen 2026

Aktuelles

Letzte Hilfe-Kurse des Hospizvereins