„Die Lebensentscheidung“ von Robert Menasse

3 Min. Lesezeit
Literatur
Johanna Bonengels Buchtipp
Eine ungewöhnliche und ergreifende Liebesgeschichte zwischen Mutter und Sohn.

In Robert Menasses literarischem Werk nimmt die Auseinandersetzung mit Europa und der EU einen zentralen Raum ein, so in seinen Romanen „Die Hauptstadt“ und „Die Erweiterung“. Fast könnte man glauben, Menasse in eine belletristische Europa-Schublade stecken zu können, dieses Mal in ein schmales Bändchen, das Menasse als „Novelle“ einordnet.

Beginnt man mit dem Lesen der „Lebensentscheidung“, denkt man, dass auch hier der rote EU-Faden weitergesponnen wird. Franz Fiala, der Protagonist, ist Beamter in Brüssel, hat in der Generaldirektion Umwelt am Green Deal mitgearbeitet und war an der Ausformulierung der Honigrichtlinie beteiligt. Aber Fiala trägt sich mit dem Gedanken, Brüssel zu verlassen.

Lesen wir die ersten Zeilen: „Am 26. Februar 2024, kurz nach Mittag, traf Franz Fiala eine Lebensentscheidung. Er dachte diesen Begriff: Lebensentscheidung. Er glaubte wirklich, dass der Entschluss, den er soeben gefasst hatte, eine solche war. Da schwang gehörig Pathos mit, und genau das tat ihm gut. Er würde alles abschütteln, was ihn schon die längste Zeit frustriert, mehr noch, ihn immer öfter und immer heftiger wütend gemacht hatte, und Pathos war für ihn der Beweis dafür, dass sein Entschluss eine Erlösung sein werde.“ (S.7)

Fiala, 60 Jahre alt, unverheiratet, liiert mit einer EU-Karrierefrau, hat die Hoffnung aufgegeben, als Beamter bei der Europäischen Kommission etwas Sinnvolles durchsetzen zu können. Er fühlt sich als „ein Rädchen in der Maschinerie, die eine bessere Welt produzieren wollte.“ Fiala weiß, dass er sich als Gutverdiener den Vorruhestand leisten kann. Fialas Lebensmittelpunkt ist Wien, personifiziert in seiner fast 90-jährigen, schwerkranken Mutter, die er regelmäßig besucht und mit der er viel Zeit verbringen will. Mit den „Brüsseler EU-Menschen“ will er nichts mehr zu tun haben.

Auf dem Flug nach Wien zur Geburtstagsfeier der Mutter gerät Fiala in ein Hagelunwetter, das eine existentielle Entscheidung evoziert.

Wir erfahren, was bei dem Besuch in Wien geschieht: Treffen mit seiner ältesten Freundin, Besuch von Stammkneipen, Opernbesuch als Geburtstagsgeschenk für seine Mutter, die Geburtstagsfeier, das Festessen – Kalbsgulasch – im Plachutta hinterm Dom. Menasse schildert die Begegnung mit der Mutter sehr anrührend: „blass mit eingefallenen Wangen im Netz von Falten […], wankend und schleppend.“

Zurück in Brüssel wird an Fiala Bauchspeicheldrüsenkrebs, eine schwere, lebensbedrohliche Krankheit, diagnostiziert. Erzählerisch könnte man dies als die „unerhörte Begebenheit“ (zentrales Merkmal der Textsorte Novelle) verstehen. Die eigentliche Lebensentscheidung ist damit nicht mehr der Ruhestand. Die eigentliche Entscheidung verlagert sich nach Wien. Franz will, muss die Mutter überleben, er will ihr ersparen, am Grab des Sohnes zu stehen.

In der Wohnung seiner Mutter findet Franz Fiala ein kleines Buch mit der Erzählung „Der Tod des Kleinbürgers“ von Franz Werfel (1927). Hauptfigur: Karl Fiala. Der Erzählplot soll hier nicht wiedergegeben werden. Es gibt also zwei Fialas. Menasse hat eine faszinierende literarische Spiegelung geschrieben. In seiner Novelle geht es um eine ungewöhnliche, ergreifende Liebesgeschichte zwischen Mutter und Sohn. Der Schluss berührt sehr. Erstaunlich, tröstlich, tragisch, jedoch ohne Patos und vor allem kitschfrei.

Ein wunderbares Buch. Allerhöchste Leseempfehlung.

Robert Menasse (geboren 1954 in Wien, wo er heute wieder lebt) studierte Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaft, arbeitete als Lektor, Dozent und jetzt als freier Schriftsteller und Übersetzer aus dem brasilianischen Portugiesisch. Er hat sich als fabelhafter Erzähler, als fleißiger politischer Essayist und kluger Kulturkritiker einen großen Namen gemacht. Viele Preise begleiten seinen literarischen Weg, zum Beispiel erhielt er 2017 den Deutschen Buchpreis für den Roman „Die Hauptstadt“.

Robert Menasse: Die Lebensentscheidung. Novelle. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2026, 158 Seiten, 22 €.

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