Johanna Bonengels Buchtipp: „Ein Hund kam in die Küche” von Sepp Mall

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Ein Roman, der tief bewegt

Jeder von uns Lesern weiß, wie wichtig der Titel und die ersten Zeilen eines Romans sind. Sepp Malls Roman hat den seltsamen Titel „Ein Hund kam in die Küche”, der anknüpft an das bekannte Kinderlied mit dem sadistischen Ausklang, der metaphorisch einen zu Tode gekommenen Hund besingt. Und hier die ersten Zeilen des Romans: „In unserer Familie gab es keine Wörter für den Abschied. Mein Vater hatte keine und meine Mutter auch nicht. Als wären sie ihnen mit der Zeit verloren gegangen, aus dem Sprachsack gefallen, Buchstabe für Buchstabe, und irgendwo liegen geblieben, wo sie niemand mehr fand.“ Und schon habe ich Lust, einzutauchen in diese Geschichte.

Es entfaltet sich eine Handlung, die die Geschichte einer Südtiroler Familie nach dem Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutschland (1938) erzählt. 1942 trifft der Familienvater die schwerwiegende Entscheidung, ins „Großdeutsche Reich“ auszuwandern. Als „Option“ hatte sich die Zwangsumsiedlung nach Süditalien gestellt. Den herrischen Vater der vierköpfigen Familie zieht es mit einer schier unbegrenzten, fanatischen Begeisterung für die toxische Nazi-Ideologie „heim ins Reich“, und damit stürzt er seine Familie ins Verderben. Er lässt sich zur Wehrmacht und an die Ostfront einziehen, während seine skeptische, zur Resignation neigende Frau und die beiden Söhne, Ludi und Hanno, der sprachlich und körperlich behindert ist, nicht ahnen, was ihnen bevorsteht. Hanno wird von der Familie getrennt und in eine Heil- und Pflegeanstalt zu „Untersuchungen“ geschickt. Bald wird deutlich, dass das Kind Opfer des sogenannten „Euthanasieprogramms“ wird, eine katastrophale „Folge einer fundamental falschen Familienentscheidung“. Die Eltern erhalten einen Brief, in dem ihnen der Tod Hannos – angeblich aufgrund einer Lungenentzündung – mitgeteilt wird.

Am Ende kehrt die Familie wieder nach Südtirol zurück. Dort sind sie jetzt Fremde, denen mit Misstrauen begegnet wird. Der Vater kehrt als seelischer Krüppel aus der Kriegsgefangenschaft zurück und ertränkt die Schrecken der Vergangenheit im Alkohol.

Das Außergewöhnliche am Roman „Ein Hund kam in die Küche” ist die vom Autor gewählte Erzählperspektive: Wie sich die „Heim ins Reich“-Option für die erzählte Familie auswirkt, das erzählt der 11-jährige Ludi. Es ist ein kühner und bewegender Erzählkniff, das historische Faktum und die individuelle Tragödie des Heimatverlustes der Perspektive eines Kindes anzuvertrauen. Aber gerade die unschuldige Wahrnehmung eines Kindes macht die Tragödie so glaubwürdig und wahr. Wir erfahren das bedrückende Erleben von Zeitgeschichte mit dem Fokus auf den Verlust von Heimat und Identität, Sprache und Familie; der Roman erzählt von Abschied, von einer tiefen Bruder-Beziehung, aber auch von der toxischen Nazi-Propaganda, die Menschen zerstört. Der Roman spekuliert trotz der grauenhaften und unmenschlichen Begleitumstände nie auf plumpe Betroffenheit, sondern öffnet dem Leser über Ludis Perspektive den Zugang zu einer subtilen, zwischen den Zeilen liegenden Ebene, die den Kern der Tragödie enthüllt, tief bewegend, erschütternd und doch im Erzählgestus von einer verblüffenden Leichtigkeit getragen – eine seltene Leseerfahrung.

Große Leseempfehlung!

Zum Autor Sepp Mall: Er ist ein deutschsprachiger italienischer Schriftsteller, 1955 in Graun im Südtiroler Vinschgau geboren. Mall lebt in Meran und schreibt Gedichte, Erzählungen, Romane und Hörspiele. Viele Jahre arbeitete Mall als Lehrer, in Teilzeit bis heute an einer Mittelschule. Sein Roman Wundränder ist in Österreich Schullektüre, und „Ein Hund kam in die Küche” wurde 2023 für den Deutschen Buchpreis nominiert.

Sepp Mall, Ein Hund kam in die Küche. Roman, Verlag Nagel und Kimche, Hamburg 2025 (Taschenbuchausgabe), 192 Seiten.

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