Interview mit Autorin Michelle Marly über „Romy und der Weg nach Paris“

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„Drei Menschen haben mein Leben verändert”, soll Romy Schneider gesagt haben, „Alain Delon, Luchino Visconti und Coco Chanel.” Inwiefern war Coco Chanel prägend für die junge Romy Schneider?

Bis zu ihrer Begegnung mit Gabrielle Chanel war Romy Schneider der etwas pummelige Backfisch, das süße Wiener Mädel, also die ewige Sissi. Eine Figur, der sie natürlich längst schon vom Alter her entwachsen war, die aber an ihr klebte, weil sich Romy mit Anfang zwanzig auch noch selber suchte. Coco machte aus ihr die elegante Französin, schuf eine wunderschöne, unwiderstehliche, anbetungswürdige Frau. Man könnte auch sagen: Eine alte Ikone präsentierte eine neue, junge Ikone.

Haben die beiden Frauen sich direkt von Anfang an gut verstanden?

O nein! Coco Chanel, damals immerhin schon 79 Jahre alt, fand die dreiundzwanzigjährige Romy zu dick und zu teutonisch. So schimpfte sie etwa über die angeblich dicken Beine von Romy. Erst mit der Zeit näherten sich die beiden Frauen an. Letztlich verband sie das Schicksal, dass sie beide gerne geheiratet werden wollten, aber keinen Trauring angesteckt bekamen. Es war Gabrielles Lebenstrauma, dass keiner ihrer Geliebten sie heiratete, und Romy hoffte damals darauf, Madame Alain Delon zu werden.

Wie schafften Coco Chanel und Romy Schneider die Verwandlung?

Zunächst einmal verordnete Coco eine Diät. Hungern kannte Romy zwar schon aus ihrer Pubertät, ihre Mutter Magda Schneider gab ihr manchmal nur Orangensaft als einzige Nahrung, aber Französinnen nehmen anders ab als wir, so spielte dort etwa damals schon Eiweiß eine große Rolle bei Diäten. Dann zeigte sie ihr, wie man sich schminkt, eine Zigarette elegant hält und auch sonst mit Grazie bewegt, natürlich schickte sie sie auch zum Friseur. Coco Chanel kreierte an der lebenden Person – statt wie sonst üblich an einer Schneiderpuppe – einen neuen Stil.

Hielt diese Freundschaft über die Kostümproben für einen Film hinaus, durch die sie sich kennengelernt hatten?

Coco Chanel und Romy Schneider blieben eng verbunden bis zu Cocos Tod am 10.1.1971. Als Romy Schneider 1966 den Schauspieler und Regisseur Harry Meyen heiratete, trug sie ein Kleid von Chanel.

Mit Coco Chanel treffen wir in Ihrem neuen Roman ja auf eine „alte Bekannte“ – die Modeschöpferin stand bereits bei Ihrem Bestseller „Mademoiselle Coco und der Duft der Liebe“ im literarischen Fokus. Sind Sie schon bei den Recherchen zu diesem Buch auf die Freundschaft zwischen den zwei Frauen gestoßen? Oder war diese Facette ihres Lebens auch für Sie neu?

Bei den Recherchen zu „Mademoiselle Coco und der Duft der Liebe“ hatte ich gelesen, dass Romy Schneider so etwas wie die Tochter für Coco Chanel geworden war, die sie nie bekommen hatte. Mir blieb auch ein Zitat von Coco in Erinnerung, wonach sie Romy für die perfekte Frau hielt. Insofern war ein gewisses Gerüst da, aber die Details las ich dann erst, als ich über Romy recherchierte. Das oben genannte Zitat von ihr war der Ausgangspunkt für meine Geschichte über sie.

Michelle Marly (c) Sally Lazic Fotografie

Was verbindet Sie persönlich mit Romy Schneider?

Ich glaube, seit die Sissi-Filme an Weihnachten im bundesdeutschen TV liefen, was Mitte oder Ende der 1960er Jahre war, habe ich über Jahrzehnte jedes Jahr vor dem Fernseher gesessen und geschmachtet. Darüber hinaus verbindet mich mit Romy Schneider der Wohnort – das ist nicht nur Paris, sondern Lugano in der Schweiz. Wir waren etwa zeitgleich dort, als kleines Mädchen bin ich ihr sogar begegnet, zumal mein Vater, der Filmkomponist Michael Jary, mit Magda Schneider und Romys Stiefvater Hans Herbert Blatzheim befreundet war. Ich kann mich noch sehr gut an die Villa – und vor allem an den wunderschönen Ausblick – der Familie Schneider-Blatzheim erinnern. Aber, wie gesagt, ich war damals noch sehr jung.

Wieso war es Ihnen wichtig, auch diese Seite von Romy Schneider zu zeigen?

Ehrlich gesagt, es ist mir unverständlich, was die deutsche Presse mit Romy Schneider machte, wie sich Reporter, erwachsene Männer also, an diesem damals noch blutjungen Mädchen abarbeiteten. Später schrieben eine Reihe von Autoren und auch Autorinnen über Romy Schneider, und deren Redlichkeit mag in dem einen oder anderen Fall angezweifelt werden. Dazu gibt es übrigens sogar eine Notiz von Marlene Dietrich, die sich in der Kinemathek in Berlin befindet. Romy wurde und wird auf diese Weise sehr viel Unrecht getan. Ich kann dieses Bild natürlich nicht verändern, aber ich kann meine Sicht auf die Person Romy aufzeigen, die sich aus der Lektüre ihrer Tagebücher und Biografien, Interviews, Erzählungen, Zeitungsberichten und der eigenen Kenntnis der Filmbranche speist – das habe ich gemacht.

Zum Buch „Romy und der Weg nach Paris”, Aufbau Taschenbuch, verfügbar ab 15. März 2021. Inhalt: Paris, 1958. Die junge Romy Schneider begehrt auf: Statt sich auf das süße Sissi-Image festlegen zu lassen, will sie sich schauspielerisch weiterentwickeln. Dann verliebt sie sich in den rebellischen jungen Akteur Alain Delon – und folgt ihm nach Frankreich. Während die deutsche Öffentlichkeit vor Wut schäumt, genießt Romy ihre Freiheit in Paris in vollen Zügen. Ihre Karriere jedoch gerät ins Stocken. Bis ihr Luchino Visconti ein Angebot macht, das sie nicht ablehnen kann. Doch wird sie es schaffen, in ihrer ersten großen Rolle auf der Bühne zu bestehen – auf Französisch? Auf Viscontis Empfehlung trifft sie Coco Chanel, mit der sie schon bald eine intensive Freundschaft verbindet. Und dank Cocos Rat wandelt sich Romy zu jener eleganten Stilikone, die unter der Regie Viscontis brilliert und zur Grande Dame des französischen Kinos wird. Ihre Liebe zu Alain indes gerät in eine Krise …

Die Autorin: Hinter Michelle Marly verbirgt sich die deutsche Bestsellerautorin Micaela Jary, die in der Welt des Kinos und der Musik aufwuchs. Durch ihren Vater, den Komponisten Michael Jary, entdeckte sie schon früh ihre Leidenschaft für französische Chansons. Lange Jahre lebte sie in Paris, heute wohnt sie mit Mann und Hund in Berlin und München.