Dessous und Mieder Greifelt schließt Ende Oktober 2021

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Marion Klopf sperrt die vor 90 Jahren von ihren Großeltern gegründete Firma Greifelt zu.

Ein weiteres Schweinfurter Familienunternehmen verschwindet von der Bildfläche

Nach intensiver und wie immer freundlicher Beratung durch Marion Klopf entscheidet sich die langjährige Kundin für den beigen BH. Die Chefin von Dessous und Mieder Greifelt zeigt sich darüber ein wenig verwundert, erinnert die Kundin an den Schlussverkauf mit 50 Prozent Nachlass und fragt: „Nur einen BH?“ Die Kundin ist sofort überzeugt und bittet, doch auch den weißen BH einzupacken. Und Marion Klopf ? Sie lächelt. „Verkaufen hat mir schon immer  Spaß gemacht“, sagt sie zum Reporter, der mit ihr das Abschiedsinterview führt. Ende Oktober wird nämlich ein weiteres angestammtes Schweinfurter Familienunternehmen von der Bildfläche verschwinden. Marion Klopf sperrt die vor 90 Jahren von ihren Großeltern gegründete Firma Greifelt zu.

Am Anfang war Wäsche noch nicht das Hauptgeschäft. „Als die Großeltern die Firma im Jahr 1931 gründeten und aufbauten, umfasste das Sortiment hauptsächlich Bandagen, Binden und Verbandsmaterial“, erinnert Marion Klopf. Die Dörfer im Umland belieferte der „Opa“ höchstpersönlich mit der Ware – und zwar auf seinem Motorrad. Es waren halt noch andere Zeiten.

Mitte der 1960er Jahre übernahm sein Sohn Arthur den Betrieb. Er erweiterte das Sortiment um Dessous und Kompressionsstrümpfe, die richtige Entscheidung, wie sich zeigen sollte, weil der Kundenstamm rasch wuchs. 35 Jahre lang führte Arthur Greifelt das Geschäft. Er starb 1997. Seine Tochter Marion hatte zuvor, heuer vor 25 Jahren, die Geschicke des Unternehmens in die Hand genommen. Dass sie die Familientradition fortsetzen würde, war nicht unbedingt geplant. Marion Klopf erlernte den Beruf der Steuerfachgehilfin, arbeitete viele Jahre in einem Steuerbüro, was beim Wechsel in den Einzelhandel letztlich aber hilfreich war.

„Unser Geschäft hat sich rasch zu einem modernen Dessous- und Miederfachgeschäft entwickelt“, blickt Marion Klopf zurück. Die Firma Greifelt war immer im Bereich des Zeughauses angesiedelt, zuletzt im Süden des Zeughausplatzes, im Gebäude mit der Hausnummer 9-13.  Im Ladengeschäft war ausreichend Platz, um die große Auswahl an jugendlicher und fraulicher Nachtwäsche, Bademode für jedes Alter und Strand- und Hauskleider präsentieren zu können. Daneben fanden – so muss man es jetzt formulieren – die Kundinnen auch Korsetten, Schwangerschaftswäsche und feste Miederware. „Der Name Greifelt stand immer für Qualität und kompetente Beratung“, sagt Marion Klopf. Den Service und vor allem die individuelle Beratung bis zur maßgerechten Anpassung der neuen Wäsche durch ein erfahrenes Schneiderteam, all das schätzten die großteils Kundinnen, wenngleich Marion Klopf festgestellt hat, dass immer mehr auch Männer den Weg zu Greifelt fanden.

Warum jetzt das Ende? Klar hätte Marion Klopf es gerne gesehen, wenn eine ihrer beiden Töchter die Familientradition fortgesetzt hätte. Sie akzeptiert aber die andere Lebensplanung ihrer Töchter. Und das Ende in diesem Jahr, dem 90. seit der Gründung, hat viel mit Corona zu tun. Marion Klopfs Plan war eigentlich, bis zu ihrem 70. Geburtstag, bis 2024 weiterzumachen. Die Geschäfte liefen auch zuletzt noch gut, wenngleich die Umsätze in den letzten Jahren schon zurückgingen. Vor allem die jüngeren Jahrgänge brachen weg. „Der Online-Einkauf“, sagt die Geschäftsführerin. Diesem Trend sei auch die von ihr beobachtete deutlich geringere Präsenz in der Innenstadt geschuldet, mit der traurigen Folge des sogar zunehmenden Leerstands.

2019 also der Beginn der Corona-Pandemie. Mehrfach musste auch Dessous und Mieder Greifelt schließen. Die erzwungene Freizeit und Freiheit hat Marion Klopf aber sehr rasch zu genießen gelernt. „Ich hatte nach 20 Jahren wieder Zeit, Kuchen zu backen“, lacht sie. Und weil absehbar war, dass wir aus dem Klammergriff von Corona nicht so schnell freikommen, entschloss sich Marion Klopf zum Jahreswechsel auf 2021 zur Geschäftsaufgabe. Im April 2021 durfte sie mit Click und Collect, im Mai das Ladengeschäft dann wieder „normal“ mit Maske und Abstand öffnen.

Der Abverkauf mit zunächst 20 bis 30 Prozent begann. Mit der Resonanz hat die Geschäftsführerin des letzten Schweinfurter Fachgeschäfts dieser Art allerdings nicht gerechnet. „Meine Kunden haben mir die Bude eingerannt“, sagt sie schmunzelnd. Das noch gut gefüllte Lager leerte sich mehr und mehr, seit Anfang September gibt es die Produkte noch einmal reduziert, letzte Schnäppchen sind mit bis zu 70 Prozent Nachlass möglich. Noch reichlich Auswahl gibt es an den kleinen BH-Größen mit 70er Weite.