Jüdisches Leben in Unterfranken: Mehr als Steine …

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Mehr als Steine ... Informationsmaterial zu den Erinnerungsbänden

Mit der Präsentation der letzten zwei von fünf Bänden und der Ehrung von Elisabeth Böhrer wurde das bayerische Synagogenprojekt abgeschlossen.

In einer bewegenden Soiree kurz vor dem Gedenktag der Reichspogromnacht haben die Verantwortlichen die Abschlussbände des bayerischen Synagogenprojekts vorgestellt und gleichzeitig Elisabeth Böhrer für ihr herausragendes Engagement in der Erinnerungsarbeit geehrt.
Die Veranstaltung in der Schweinfurter St. Johanniskirche wurde eröffnet von Dekan Oliver Bruckmann. In einer sehr persönlichen Einführung erzählte er von seiner Kindheit in Wolfratshausen. Dass der Ortsteil Waldram früher unter dem Namen Föhrenwald zunächst ein Lager für Überlebende des Holocausts war und später anders genutzt wurde, sei ihm erst vor drei Wochen zufällig bekannt geworden. „Wir hatten keine Ahnung, obwohl wir doch alles über die Ortsgeschichte gelernt hatten“. Schon dieses Beispiel zeige, wie wichtig das Gedenken und das Engagement der vielen sei, die Gedenken möglich machten.
Prof. Dr. Wolfgang Kraus von der Universität des Saarlandes führte ein in die Geschichte des nun nach zwei Jahrzehnten abgeschlossenen bayernweiten Projekts, das finanziell von der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern unterstützt wurde. Ursprünglich war im Rahmen des deutschlandweiten Gedenkband-Projekts für Bayern ein Dokumentationsband geplant gewesen, der nicht nur die Synagogen in Bayern, sondern auch das jüdische Leben dokumentieren sollte – daher auch der Titel „Mehr als Steine…“. Aus einem Band wurden in zwei Jahrzehnten fünf – mit zusammen 4500 Seiten. Die letzten beiden nun fertiggestellten Teilbände befassen sich mit den Synagogen und jüdischen Gemeinden in Unterfranken, wo das Judentum in Bayern vor der Zeit des Nationalsozialismus besonders lebendig und vielfältig war. Wie vielfältig, zeigt sich schon daran, dass der ursprünglich geplante Teilband III (Unterfranken) aufgrund der inhaltlichen Fülle in zwei Teile unterteilt werden musste, von denen der zweite noch einmal aus zwei Büchern besteht.
Architektur sei immer auch Ausdruck von Lebensgefühl und Identität, so Kraus. Die über 200 Synagogen und Beträume, die es um das Jahr 1930 in Bayern gab, waren Ausdruck davon. Wie selbstverständlich Verbindungen und Freundschaften vor der Zeit des Nationalsozialismus waren, illustrierte er mit einer Schale, die seine Großmutter von einer jüdischen Freundin als Geschenk bekommen hatte. Dass aus Menschen, die ganz normale Nachbarn und liebe Freunde waren, innerhalb kürzester Zeit verhasste Fremde werden konnten, die deportiert und vernichtet wurden, sei bis heute sowohl für die Überlebenden als auch für die, die den damaligen Ereignissen nachforschen, eine menschliche Anfechtung.

Geballte Fachkompetenz zum bayerischen jüdischen Leben von links: Dr. Ludwig Spaenle, Prof. Dr. Wolfgang Kraus, Elisabeth Böhrer, Dekan Oliver Bruckmann, Dipl-Ing. Hans-Christof Haas, Dr. Gerhard Gronauer, Dr. Rotraud Ries, Prof. Dr. Hans-Christoph Dittscheid, Dr. Cornelia Berger-Dittscheid, Dr. Axel Töllner. Foto: Heiko Kuschel

Dr. Ludwig Spaenle sprach ein Grußwort in seiner Eigenschaft als Beauftragter der Bayerischen Staatsregierung für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, für Erinnerungsarbeit und geschichtliches Erbe. Er zitierte den evangelischen Theologen und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer: „Nur wer für die Juden schreit, darf gregorianisch singen“. Das Judentum habe einen prägenden Einfluss auf die Kultur unseres Landes gehabt. Vor zwei Jahren sei in Regensburg wieder eine Synagoge eingeweiht worden, doch noch heute erführen Jüdinnen und Juden Hass und Ablehnung. „Dem müssen wir uns entgegenstellen! Wir müssen zusammenstehen, um Judenhass im Kern zu treffen“ betonte Spaenle. Er dankte allen, die in 20 Jahren harter Arbeit die Synagogenbände ermöglicht haben.
Auch der Regierungspräsident von Unterfranken, Eugen Ehmann, dankte dem Team für die wichtigen Anregungen zum Nachdenken und Erinnern. Aber: „Eine noch so umfangreiche Dokumentation kann die Lücken nicht schließen, die damals gerissen wurden.“
Die Mitglieder des Teams, Dr. Cornelia Berger-Dittscheid, Dr. Gerhard Gronauer, Dr. Axel Töllner und Dipl-Ing. Hans-Christof Haas, stellten mit bewegenden und auch persönlich bewegten Worten und Bildern kleine Auszüge aus den Bänden vor. Sie behandelten die Gemeinde in Frankenwinheim, die Talmud-Tora-Präparandenschule in Burgpreppach sowie die verschiedenen Standorte der Schweinfurter Synagogen und wichtige Persönlichkeiten der Schweinfurter jüdischen Gemeinde vor deren Vernichtung durch die Nationalsozialisten.
Neben der Vorstellung der Gedenkbände sollte jedoch an diesem Abend besonders eine Person geehrt werden, die sich so intensiv wie wohl keine andere in die jüdische Geschichte in der Region eingearbeitet hat. Die Ehrung von Elisabeth Böhrer übernahm Dr. Rotraud Ries, Leiterin des Johanna-Stahl-Zentrums Würzburg. Sie beschrieb den „Werdegang“ von Elisabeth Böhrer von der Schweinfurter Gästeführerin zur anerkannten Fachfrau für das jüdische Leben. „Sie waren diejenige, die mit Abstand die meisten Biografien aus der dritten Deportationswelle verfassten“, betonte Ries.
1991 sei Böhrer zum ersten Mal mit ehemals vertriebenen Jüdinnen und Juden zusammengetroffen. Deren Schicksal habe sie nicht mehr losgelassen; sie fing an, Stammbäume zu erstellen, Nachforschungen zu betreiben und vor allem, nicht locker zu lassen. „Das Großartige war, diese Menschen tatsächlich zu treffen und kennenzulernen“, habe Böhrer bei anderer Gelegenheit gesagt. Sie kenne die Familien und ihre Geschichten im gesamten Osten Unterfrankens. Mehr als 1500 Einträge im Bundesarchiv habe sie präzisiert und korrigiert. Viele Autorinnen und Autoren des Projekts „Denkort Deportationen“ haben Material von ihr erhalten. Für ihr Engagement wurde sie 2019 aus verschiedenen Ländern für den Obermayer-Preis vorgeschlagen, mit dem Deutsche geehrt werden, die sich um die Erhaltung der jüdischen Geschichte und Kultur besonders verdient gemacht haben.
Schweinfurts Oberbürgermeister Sebastian Remelé schloss sich in seinem Grußwort dem Dank im Namen der Stadt Schweinfurt an: „Sie geben den Biografien Namen und Gesicht. Aber sie schlagen auch einen Bogen in die Geschichte, die mehr als diese zwölf Jahre umfasst.“
Landrat Florian Töpper verwies auf die „bewegten Zeiten“, in denen wir leben, in denen wieder eine Partei im Bundestag sitze, die versuche, die Geschichte zu relativieren. „Es waren Menschen, die Menschen dieses angetan haben. Wir müssen mehr Erinnerungsarbeit betreiben.“ Dabei profitierten die Landkreise Schweinfurt und Rhön-Grabfeld ganz besonders von Böhrers Arbeit.
Mit Geschenken an Elisabeth Böhrer und israelischer Musik von Orgel (KMD Andrea Balzer) und Klarinette (Matthias Kügler) endete der bewegende Abend, der die brutal zerstörte ehemalige jüdische Kultur in Bayern wieder etwas mehr ins Gedächtnis der Anwesenden brachte.
Mehr über die Gedenkbände und das gesamte Projekt unter www.synagogenprojekt.de
Dort gibt es auch Leseproben und eine Bestellmöglichkeit. Die Bände sind auch im Buchhandel erhältlich, der erste Band ist allerdings bereits vergriffen. (Heiko Kuschel)