Literatur im Groschenheft · Joachim Engel und seine „Corona-Haft“

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Joachim Engel - bei einer Lesung in Wipfeld - im Juli 2020

Heute, im April 2022, noch einmal eine Geschichte zu Corona. Vielleicht ein Abgesang. Hoffentlich! Sind wir doch zur Zeit mit einem anderen großen, welterschütternden Thema beschäftigt, mit dem brutalen, menschenverachtenden Putin-Krieg. Über diesen Krieg schmunzelnd zu schreiben, das geht gar nicht. Bei der Corona-Pandemie ist es noch möglich. Jetzt haben wir doch noch etwas Positives an der Corona-Hexe gefunden.

Joachim Engel aus der Schweinfurter Autorengruppe SAG schrieb die Geschichte „Corona-Haft“. Es geht um Quarantäne und die „psychische Extrembelastung“, aber auch wie man „gestärkt aus der Quarantäne“ rauskommt.

Und das alles erzählt Joachim Engel in seiner Art, im unterfränkischen Dialekt, unangestrengt, liebenswert. Als Schriftsteller und Polizeibeamter weiß er, was die Menschen bewegt. Er kennt ihre „Mendalidäd“. Und die kennt auch sein Geschichten-Protagonist, der „Sebber“, das zweite Ich des Autors, der „im Lähm nix ausgelassen“ hat.

Und Joachim Engel wäre nicht Joachim Engel, wenn er nicht kritische Fragen an Gesellschaft und Politik in seine Geschichte einbauen würde. Vergnüglich, nachdenklich, ja, so schreibt Joachim Engel.

Corona-Haft

Nachdem der Sebber im Lähm nix ausgelassen hat, wars nur logisch, dass ihn a des Corona eines Tages erwischt hat.
Obber typisch für so a hinterhältiche Seuche, hat die sich net den direkten Wääch gsucht, sondern hintenrum angepirscht. Vielleicht hat sä sich ja ah am Sebber seim gstählten Körper die Zähn ausgebissen und sich schwupps dem Sebber sei bessere Hälfte als schwächeres Ziel ausgsucht.
Es sei wie‘s will, jedenfalls war der Sebber beim gemeinsamen Test negativ und Frau Sebber positiv. Damit hat des Schicksal sein Lauf genomma und den Sebber für die nächste Zeit fest umklammert.

Täglich hat des Gesundheitsamt sich gemeld und auf strikte Einhaltung der gemeinsamen Quarantäne beharrt. Beide durften die Wohnung net verlass und sollerten derhem allen Ernstes unbedingt auf den Mindesabstand acht gäb. Getrennte Bade-und Schlafzimmer sin verordnet worn. Beim Essen an gegenüberliechenden Tischenden mussten die enerhalb Meter, genauso wie die Morgen- und Abendtemperatur nachgemessen wern, und Salatessen aus ener Schüssel war streng verboten. Beim Fernsehabend durft zwar des gemeinsame Programm eingschalten wern, obber auf gor kenn Fall von em Sofa aus geguckt wern.

Ja, es war net eefach, eigsperrt auf engstem Raum mit der Herzallerliebsten. Wo doch grad die körperliche Nähe, die da in schweren Zeiten so wichtich gewäst wär, streng verboten war. Mer kanns dreh, wie mer will: Des Ganze is zum platonischen Alptraum worn.

Ja, es war a trostlose und schwieriche Zeit. Gefährlich vor allen Dingen. Hat mer den Fernseher tagsüber eigschaltn, war die Gefahr der zunehmenden Verblödung durchs reality TeeWee extrem hoch. Letztendlich war der Sebber bloß noch aufm Sofa rumghockt und hat drauf gewart, dass sich Hunger und Durscht eistelln. Essen und Trinken halten doch die Seel zam, hat er gedacht, dabei obber net bedacht, dass übermäßiges Essen die Seel vielleicht zam hält, den Körper obber außernanner treibt, vom übermäßichn Alkoholgenuss wollmer gor net red.

Des Lehm hat sich aufs Wesentliche reduziert. Hats scho vorher in der Coronazeit oft am Gsprächsstoff gemangelt, hats jetzt fast gor nix mehr zu reden gähm. Sätze wie: „Mir müssn aufsteh, mir ham so viel zu tun“ oder „Schatzi, simmer morgen Abend derhem?“ warn natürlich überflüssich. Ohnehin gefährliche Sätze wie: „Findest du mich zu dick“ oder „Schatzii, liebst du mich noch“ waren absolut verboten. So warn die zwä abends sich schweigend gegenüber gsässen und ham sich aus sicherer Entfernung zugeprostet.

Es war a Warten, gelangweilt Gucken, Warten und noch gelangweilter Gucken. Gfühlt ham sich die zwä wie Schwerverbrecher, eigsperrt auf engstm Raum, so sin sa sich jedenfalls in ihrer 100-Quadratmeter-Wohnung vorkumma.

Nix is passiert, nix jedenfalls, worüber sichs noch irgendwie zu reden gelohnt hät. Beste Freund ham kurz geklingelt, notwendiche Einkäuf vor die Tür gstellt, aus sicherer Entfernung gewunken und sin dann fluchtartich davo gerennt.

Ja, Leut, was wollmer viel rumred, es war a psychische Extrembelastung. Am Schluss warn dann obber doch alle Beteilichten gereift und sin gestärkt aus der Quarantäne rauskumma.

Paar Fragen sen derweil unbeantwortet gebliem:
• Warum wird der zur gleichen Zeit vom Schwurgericht Dortmund zu lebenslanger Haft verurteilte Mörder Hassa nicht im Gerichtsaal verhaftet, sondern darf im Gegensatz zum Sebber in Freiheit auf seine schriftliche Aufforderung zum Haftantritt warten?
• Verstößt ein Obdachloser, wenn er nachts in der Stadt umherläuft, gegen die Ausgangsbeschränkung?
• Zählt eine während der Quarantäne ermordete Ehefrau statistisch zu den Corona-Toten?

Ja, Fragen über Fragen! Vielleicht wart mer auf den nächsten Anruf vom Gsundheitsamt. Die ham ja auf alles a Antwort.