Die verlorene „goldene Tochter“ – Kanadisches Ehepaar besucht Ort der Zwangsarbeit

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Maria Brik (links) mit ihren Freundinnen Lena (Bachmaniewicz) und Valya (Fastykovskaya). Die drei studierten Pharmazie. Foto: privat

„Kurz vor der Mittagspause umstellten SS-Männer mit Maschinengewehren die Schule. Sie brachen alle Türen auf und trieben alle Kinder zusammen. Draußen wurden wir zwischen zwei Reihen bewaffneter Soldaten hindurchgetrieben und auf Lastwagen mit offenen Rückseiten befohlen. Wir wurden in ein mit Stacheldraht umgebenes Lager voller anderer Kinder und ihrer Lehrer gebracht. Dort wurden wir einen Tag und eine Nacht lang festgehalten. Meine Eltern durften mir ein kleines Paket mit Lebensmitteln und Kleidung bringen, denn ich hatte nur meine Schulbücher. Das war das letzte Mal, dass ich meine Eltern gesehen habe.“ (Zitate in Kursiv aus Briefen von Maria Brik)

So die Schilderung von Maria Brik, der Mutter von Halina St. James aus Kanada. Nach dem Tod ihrer Mutter hat Halina das drängende Bedürfnis, die Lebensspuren ihrer Mutter zurück zu verfolgen. So besuchten sie und ihr Mann Neil kürzlich Schweinfurt, einen der Orte, wohin ihre Mutter als Zwangsarbeiterin in der NS-Zeit verschleppt worden war.

Der Leidensweg der Mutter führte aus der Ukraine nach Würzburg, Schweinfurt, Weiden und Bad Reichenhall. Sie überlebte Krieg und Zwangsarbeit, emigrierte schließlich nach Kanada, wo sie bis zu ihrem Tod lebte. Nie wieder kam sie in ihre Heimat Ukraine zurück, nie wieder sah sie ihre Eltern. Sie war das einzige Kind. Die Eltern nannten sie ihre „goldene Tochter“.

Gerade mal 17-jährig wurde sie 1943 in Vinniza aus der Schule heraus, in der sie eine pharmazeutisch-technische Ausbildung machte, nach Würzburg verbracht und musste dort in einem Arzthaushalt arbeiten. Behütet aufgewachsen war ihr Hausarbeit fremd, und so war sie sehr unbeholfen.

Nach etwas mehr als einem Jahr wurde ich in eine Rüstungsfabrik versetzt. Ich wurde in die Kugellagerfabrik in Schweinfurt gebracht. Dort arbeitete ich bis zum Ende des Krieges“. Zu der Zeit, April 1944, waren die Angriffe der Alliierten in vollem Gange und die Firma Kugelfischer, am Ende des Krieges zu 85% Prozent zerstört, war bereits schwer beschädigt. Das Mädchen Maria musste 12-Stunden-Schichten an sechs Wochentagen arbeiten. Das Leben im Zwangsarbeiterlager ging an die Grenze des Erträglichen. Sie schlief mit anderen Frauen und Mädchen auf Stroh in einem überfüllten Raum und jede hatte nur eine Decke.

„Nachts wurden wir im Schlafsaal eingeschlossen, und die Tür wurde aufgeschlossen, wenn es Zeit für den Wachmann war, uns in die Fabrikhalle zu bringen. Zweimal am Tag gab es einen Appell. Wir wurden die ganze Zeit über überwacht. Wir mussten um Erlaubnis bitten, wenn wir die Toilette benutzen wollten.“

Sie hielt durch bis April 1945, als Schweinfurt endlich von der US-Armee eingenommen wurde und die Bombenangriffe endeten.

Nach Kriegsende verbringt Maria Brik sechs lange Jahre in Camps für Displaced Persons (unter DPs versteht man alle Zivilisten außerhalb der Grenzen ihrer Heimatstaaten, vor allem ehemalige Zwangsarbeiter*innen) zuerst in Weiden, danach in Bad Reichenhall. Und: „Während meiner Kriegsgefangenschaft in Deutschland war ich als Maria Brik bekannt. Nach Kriegsende nahm ich den Mädchennamen meiner Mutter (Kotecka) als meinen eigenen an, um nicht in die UdSSR zurückgeschickt zu werden.“

Hatte sie Verschleppung und die harten Bedingungen der Zwangsarbeit überlebt, drohte ihr nun bei Rückkehr in die Heimat die Gefahr, als Kollaborateurin im sowjetischen Arbeitslager zu enden. Deshalb gab sie sich den polnischen Namen.

Maria Brik mit Tochter Halina, geboren im April 1947 im Camp for Dispaced Persons in Weiden. Foto: privat

In Weiden lernt Maria Kotecka, wie sie nun heißt, Stanislaw, den Vater von Halina kennen. Am 10. April 1947 kommt ihre Tochter im Lager zur Welt. Den Eltern gelingt es 1951 nach Kanada auszureisen. Ihre Großeltern in der Ukraine lernt Halina nie kennen. Lediglich über spärliche Briefkontakte konnte eine Verbindung hergestellt werden.

Beim Besuch in Schweinfurt schildert Halina den Akteuren der „Initiative gegen das Vergessen“ das eigene Verhältnis zu ihrer Mutter bis zu deren als Tod schwierig. Es war geprägt von Schweigen, Vertuschung, Verschleierung. Laut Tochter Halina Handlungsweisen, die in Kriegszeiten lebensnotwendig waren, in der Friedenszeit jedoch nicht abgelegt werden konnten und die Beziehung belasteten. Erst nach dem Tod der Mutter ist Halina in der Lage, sich mit deren Schicksal auseinanderzusetzen. Erst dann liest sie Briefe und Schilderungen, die Aufschluss über das Leben ihrer Mutter Maria Brik geben. Und sie ist erschüttert über die Erkenntnisse, die ihre Recherchen bringen.

Zunächst sammelt sie alle zugänglichen Informationen, z. B. über das Internet und insbesondere das Archiv Internationales Zentrum der NS-Opfer (ITS) in Bad Arolsen. Hierbei stößt Halina auch auf die „Initiative gegen das Vergessen“ in Schweinfurt, die seit vielen Jahren unermüdlich das Schicksal der Zwangsarbeiter in Schweinfurt erforscht. Die Initiative stellte in den vergangenen Jahrzehnten Kontakt zu ehemaligen Zwangsarbeiter*innen und deren Angehörigen her, besuchte diese in der Ukraine, Belgien, Italien und lud nach Schweinfurt ein. So konnte die Initiative ein lebendiges Bild der leidvollen Geschichte der Zwangsarbeit zusammentragen und ein Bewusstsein für das erlittene Unrecht schaffen.

Halina St. James und ihr Mann Neil bei ihrem Besuch in Schweinfurt. Foto: privat

Halina St. James reiste nun im Mai 2022 nach Deutschland, um alle Orte zu besuchen, an denen sie Spuren ihrer Mutter nachverfolgen konnte. Ein Mitarbeiter der „Initiative gegen das Vergessen“ führte sie zum Ort des ehemaligen Zwangsarbeiterlagers auf den Oberndorfer Wiesen. Die Lagerbaracken sind zwar verschwunden, durch die aufgestellten Infotafeln und mündlichen Erläuterungen wurde die Vergangenheit greifbar, so dass Halina sehr berührt war.

Der Mann von Halina hat bereits einen 20minütigen Film über die Lebensgeschichte von Maria Brik zusammengestellt. Halina will nun die Geschichte ihrer Mutter, die auch entscheidend durch die Zeit in Schweinfurt geprägt wurde, in einem Buch zusammenfassen und der Öffentlichkeit zugänglich machen. Die Informationen der Initiative leisten hierfür einen wertvollen Beitrag, allerdings profitieren auch die Schweinfurter sehr von den Recherchen des Ehepaars.

Am Ende ihrer Reise in die Vergangenheit sind Halina und ihr Mann Neil nach Kanada zurückgekehrt. Beeindruckt waren sie bei ihrer Recherchearbeit von der regen Anteilnahme und Unterstützung, die ihnen bereits im Vorfeld und anschließend bei den Besuchen vor Ort zuteil wurde. Stadtarchive, Kirchenarchive, Initiativen in Weiden, Bad Reichenhall und Würzburg und die „Initiative gegen das Vergessen“ in Schweinfurt organisierten Führungen, gaben Einblicke in Dokumente, tauschten mit dem Ehepaar Informationen, Fotos, persönliche Unterlagen aus. Enttäuscht waren sie lediglich vom Stadtarchiv Schweinfurt. „Vom Stadtarchiv Schweinfurt hatten wir mehr erwartet“, schreiben sie. Doch „wir hatten Glück, dass die „Initiative gegen das Vergessen“ ein eigenes Archiv angelegt hatte. Die Unterstützung und das Wissen der Initiative lieferten den Kontext, der uns ermöglichte, nachzuvollziehen unter welchen Bedingungen Maria lebte und arbeitete.“

Text: Johanna Mangold