Johanna Bonengels Buchtipp: „Frankie” von Michael Köhlmeier

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Foto: Peter-Andreas Hassiepen

Meisterlich rasant und abgründig erzählt, die Geschichte zwischen Enkel und Großvater

Köhlmeier erzählt in seinem neuen Roman „Frankie“ vom 14 Jahre alten Frank, der das „ie” hinter seinem Vornamen radikal ablehnt. Genauso wie – zunächst – seinen Großvater.

„Am Dienstag haben sie Opa entlassen.“ Das ist der erste Satz des Romans. Dieser Großvater verlässt nach mehr als 18 Jahren Haft das Gefängnis und bricht wie eine Naturgewalt in das ruhige, biedere, bescheidene Leben Franks und seiner alleinerziehenden Mutter ein.

Schauplatz ist Wien. Die Leserin, der Leser kann den Schauplatz sehr genau lokalisieren. Man lernt das Lebensumfeld von Frank und seiner Mutter sehr nah kennen. Völlig schnörkellos, ohne Nebenschauplätze, geradlinig entwickelt sich die Geschichte, die erzählt, wie leicht ein unscheinbares, scheinbar geordnetes Leben aus dem Lot geraten kann.

Die Perspektive ist die Sicht des 14-Jährigen, auch in der lakonischen, authentischen und sehr virtuosen Sprachgestaltung. Die Sprache gehört zur großen Leseverführung des Romans: „Ich muss zugeben, des Großvaters Blick kam mir gefährlich vor, weil hinterhältig. Also, dass es ein Zeichen eines gefährlichen Mannes ist. Dabei baucht der da so ein Zeichen gar nicht. Wenn einer achtzehn Jahre eingesperrt wird, dann ist er gefährlich, auch wenn nichts an ihm gefährlich aussieht.” (S. 12)

Der Großvater, dessen Verbrechen im Dunkeln bleibt, ist nicht lieb, nicht kopftätschelnd, auch nicht schuldbewusst, nicht geläutert. Seinen Enkel behandelt er einmal hilflos und schrullig, dann wieder sehr gefährlich wie ein brutaler Macho. Er schenkt seinem Enkel eine „Miss Raven MP 25 Mouse Gun Saturday Night Special“, die eine leichtgewichtige, aber entscheidende Rolle im Handlungsgefüge spielt. Es entwickelt sich so gar keine romantische Opa-Enkel-Story.

Souverän und kühl beschreibt Köhlmeier die finstere Beziehung zwischen einem Löwen – dem Großvater – und einem Fuchs – Enkel Frank. Er lässt sich hineinziehen in die toxische Welt des 70-jährigen Großvaters, der das Kind völlig aus der Bahn und in eine problematische Männlichkeitsrolle wirft. Die Beziehung entwickelt eine verunsichernde, verstörende und rätselhafte Inszenierung, die als fetziges Roadmovie über die Westautobahn und ihre Raststätten im Wald hinter der Raststätte Lindach Nord abbricht.

Ein Lesegenuss! Unbedingt lesen!

Michael Köhlmeier, geboren 1949 in Hard, Vorarlberg, zählt zu den bekanntesten und profiliertesten Schriftstellern im deutschsprachigen Raum. Neben seinen eigenen Werken wurde Köhlmeier auch mit seinen Nacherzählungen von Märchen und Sagen bekannt. Im Groschenheft Dezember 2021 habe ich das wundersame Buch von Köhlmeier „Die Märchen“ empfohlen (ist noch online auf groschenheft.de).

Michael Köhlmeier: Frankie. Carl Hanser Verlag, München 2023, 206 Seiten, 24 €.