Johanna Bonengels Buchtipp: „Ein Leuchten“ von Jon Fosse

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Jon Fosse. Foto Jessica Gow

Im letzten Jahr erhielt Jon Fosse den Nobelpreis für Literatur. Ich hatte noch nie etwas von dem norwegischen Autor gelesen. Ich näherte mich an den Autor an mit der Erzählung „Ein Leuchten“ und merkte bereits auf den ersten Seiten: Das ist faszinierend, ein literarisches Kleinod!

„Ich fuhr los. Das tat gut. Bewegung tat gut. Ich wusste nicht, wohin ich wollte. Ich fuhr einfach. Langeweile hatte mich überkommen, mich, der ich mich sonst nie langweile, hatte Langweile überkommen. […] Und darum tat ich einfach etwas.“ (S. 7)

So beginnt die Erzählung. Jon Fosse führt seinen Ich-Erzähler in einen dunklen, einsamen Wald im Westen von Norwegen. Er bleibt mit seinem Auto im Schnee stecken, läuft zu Fuß weiter. Mutterseelenallein verirrt er sich und wird von metaphysischen Erscheinungen bedrängt. Die Leserin, der Leser wird mitgenommen in eine fantastische, märchenhafte Zwischenwelt, in der sich Tod und Leben nahekommen. Das erzählt Fosse außergewöhnlich nüchtern und lakonisch. Ein absatzloser Erzählfluss auf 78 Seiten.

Der Ich-Erzähler verliert seine anfängliche Hoffnung, aus dem Wald, aus dem Schnee, aus der Kälte heraus und von dort zum nächsten Haus zu gelangen. Die Handlung wird vorangetrieben von dem Erscheinen abgründiger Figuren, der Vision seiner Eltern und von einem geheimnisvollen Leuchten mitten im bedrohlichen Dickicht und in der kalten Waldfinsternis. Er fragt sich nach dem Ursprung dieses Leuchtens und klammert sich daran, dass es ihm Hilfe bringt. Ist es Erleuchtung? Es bleibt ein Rätsel. Die Handlung bleibt im Nirgendwo zwischen Finsternis und Schnee, zwischen Realität und Phantasmagorien, zwischen Leben und Tod und spielt mit dem Ungewissen, dem Ungefähren. Der Ich-Erzähler bleibt auf sich selbst zurückgeworfen, einsam. Er dreht sich im Kreis, kann sich nicht entschließen. Das erzählt Jon Fosse in kargen Sätzen, die ins Herz treffen.

„Aber ich kann mich wenigstens bisschen ausruhen. Das muss ich wohl tun dürfen. Ja natürlich. Ich muss mich ein bisschen ausruhen, weil ich so müde bin und weil ich ja auch den Weg aus dem Wald hinausfinden muss, und dann kann ich nicht zu müde sein. Ausruhen. Einfach ausruhen. An nichts Besonderes denken, ausruhen. Einfach ausruhen. Einfach nur sein. Und sehen.“ (S. 67)

Ein literarisches Kleinod – Große Leseempfehlung!

Jon Fosse: Ein Leuchten. Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt Henkel. Rowohlt Verlag, Hamburg 2024. 22 €