„Im Schatten der Insel” von Turid Müller – Buchvorstellung und Interview

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Turid Müller - Foto: Torge Niemann

»Und irgendwo in dieser düsteren, aber gar nicht ganz so fernen Vergangenheit schien ein Geheimnis zu liegen, das bis in die Gegenwart wirkte.
Das ihre Mutter in Gefahr gebracht hatte.«

Das Leben mit 40 hat Lale sich anders vorgestellt: Seit ihrer Scheidung lebt sie wieder in ihrem Kinderzimmer – als Pflegerin ihrer an Demenz erkrankten Mutter. Mit der Reise nach Amrum möchte Lale den Herausforderungen dieser, ohnehin nicht leichten, Beziehung zumindest vorübergehend entfliehen.
Doch bevor die lang ersehnte Erholung einsetzen kann, verstrickt die Mutter sich in einen Mordfall, der tief in deren abgründige Erinnerungen führt: Als Verschickungskind allein auf Föhr.
Doch die Spuren rund um die Tat reichen noch weiter zurück, in ein dunkles Kapitel der deutschen Geschichte, über das die Mutter lieber schweigt …

Mit „Im Schatten der Insel“ von Turid Müller erschien am 28. März 2024 bei between pages by Piper ein spannender und gefühlvoller Kriminalroman nicht nur für Nordsee- und Amrum-Fans.
Als Psychologin, die sich künstlerisch und praktisch für Demenz-Erkrankte engagiert, liefert die Autorin ein einfühlsames und gleichzeitig packendes Porträt einer Mutter-Tochter-Beziehung.
Dabei geht es um ein dunkles Kapitel der deutschen Geschichte, die Kinderverschickungen, um Schuld, um Erinnerung und um einen Mordfall, in den das ungleiche Duo verstrickt wird.

Dass es auch als erwachsenes Kind nicht leicht ist, wenn ein Elternteil an Demenz erkrankt, muss Protagonistin Lale am eigenen Leib erfahren. Auch wenn sie nach ihrer Scheidung selbst gerade nicht in bester Verfassung ist, was sie mit Hilfe einer ordentlich Portion Selbstironie jedoch mit Fassung und Fachwissen aus ihrem Job als Psychologin trägt, ist es ihr wichtig, sich um ihre Mutter zu kümmern – auch wenn sie ihr manchmal den letzten Nerv raubt. Als ein Mord den Amrum-Urlaub überschattet und nach und nach Details aus einem dunklen Kapitel der deutschen Geschichte zu Tage treten, gewinnt sie nicht nur Erkenntnisse, die sie beide in Gefahr bringen, sondern auch mehr Verständnis für ihre Mutter.

Autorin Turid Müller ist nicht nur Amrum-Fan, sondern auch selbst Psychologin und arbeitet seit zwanzig Jahren zwischen Bühne und Couch.
Als Expertin für toxische Beziehungen hat sie einen Ratgeber („Verdeckter Narzissmus in Beziehungen“) geschrieben, startete Ende Januar einen Podcast zum Thema („#mutigesherz – Selbsthilfe-Podcast rund um toxische Beziehungen“) und begleitet Betroffene auch in Coachings und Trainings dabei, sich aus solchen zu befreien.

Daher kennt Turid Müller auch aus fachlicher Sicht die Folgen emotionalen Missbrauchs, der während der Kinderverschickungen an zahlreichen Kinderseelen verübt wurde.
Auch im Bereich Demenz kann sie für den Kriminalroman auf Erfahrungen aus ihrem Beruf zurückgreifen: Während ihres Studiums hat sie selbst in der Pflege gearbeitet und später viele Jahre das Thema „Kommunikation mit Menschen mit Demenz“ an Pflegeschulen unterrichtet. Als „Teilzeitrebellin“ steht sie darüber hinaus mit einem eigenen Chanson-Kabarett-Programm auf der Bühne und sensibilisiert für gesellschaftsrelevante Themen.

Im Schatten der Insel, Turid Müller, 368 Seiten, Broschur, EAN 978-3-492-50746-2, between pages by Piper, ET 28.03.2024, 18,00 €.

 

Das Groschenheft-Team konnte vom Verlag noch ein weiterführendes Interview bekommen:

Liebe Frau Müller, was erwartet die Lesenden bei „Im Schatten der Insel“?

Ein Kriminalroman, der beiden Teilen dieses Begriffs gerecht wird: Es gibt Spannung. Aber auch ganz viel Geschichte. Dabei fehlt es nicht an Tiefgang. Mit einer Prise Humor habe ich versucht, den durchaus substantiellen Themen des Buches als Gegengewicht etwas Leichtigkeit zu geben.

Wieso haben Sie sich Amrum als Schauplatz für Ihr Romandebüt ausgesucht?

Zu der Insel haben meine Familie und ich schon seit vielen Jahrzehnten eine tiefe Verbindung. Amrum ist ein besonderer Ort, sehr ursprünglich.

Wer auf das Schiff steigt, und über das Meer fährt, lässt die Hektik des Alltags wirklich ganz weit hinter sich. Betritt man den Hafen von Wittdün, betritt man eine kleine verschlafene Welt, die man mit dem Fahrrad oder zu Fuß erobern kann. Eine Welt, die uns ein bisschen in der Zeit zurückversetzt. Und in der es möglich ist, am weiten Strand, mit den Füßen im Wasser, allein dem Licht des Leuchtturms zuzuschauen.

Genau richtig, um zu sich zu kommen. Und herrlich zum Schreiben!

Ihr Roman lebt auch von den Gegensätzen: Auf der einen Seite die idyllische Nordseeinsel als Sehnsuchtsort und Ort der Erholung, auf der anderen Seite sind auch die Kurkliniken, hinter deren Mauern Kindern Unglaubliches angetan wurde, Teil der Geschichte vieler Nordsee-Orte. Wie sind Sie auf das Thema „Kinderverschickung“ gestoßen?

Meine Mutter ist als Kind verschickt worden. Zum Glück hat sie nicht solche Greul erlebt wie die, um die es in meinem Buch geht. Aber ihre Erinnerungen haben mich darauf gebracht, mich über das Thema schlau zu machen. Bemerkenswert fand ich sofort, dass der Missbrauch, der in vielen Einrichtungen offenbar systematisch stattgefunden hat, erst jetzt publik wird. Heute – Jahrzehnte später – stehen wir am Anfang der Aufklärung. Das ist symptomatisch für unsere Aufarbeitungskultur – und somit Stoff für einen Krimi.

Whodunit hätte mich nicht interessiert. Mir war es wichtig, leicht lesbar Themen zugänglich zu machen, die uns alle angehen.

Bis in die 80er/90er Jahre hinein gab es diese Verschickungen. Viele Kinder sind von ihren Familien angemeldet worden. Für eine gar nicht so kleine Zahl von ihnen ist das, was als Ferienfreizeit und Kur geplant war, zu einem Albtraum geworden, der ihr Leben für immer verändert hat – und damit auch das ihrer Nachkommen. Denn wenn wir die Knoten unserer Vergangenheit nicht lösen, geben wir unsere Traumata an die nächste Generation weiter. Auch davon handelt das Buch.

Lale, die Hauptperson, kümmert sich um ihre an Demenz erkrankte Mutter. Das Thema zieht sich wie ein roter Faden durch ihr berufliches und künstlerisches Wirken – wann sind Sie das erste Mal mit Demenz in Berührung bekommen und warum ist es Ihnen so wichtig, für die Bedürfnisse der Erkrankten und ihrer Zugehörigen zu sensibilisieren?

Meine ersten Erlebnisse mit Demenz habe ich als Kind gesammelt. Beide Omas waren betroffen. Damals habe ich nicht verstanden, was mit ihnen passierte. Ich wusste nicht, wie ich damit umgehen soll.

Ich denke, so geht es auch vielen Erwachsenen. Da können wir als Gesellschaft noch viel lernen.

Ganz persönlich wird das Thema für mich, da ich mich – aufgrund des Vorkommens in meiner Familie – natürlich fragen muss, ob es mich irgendwann nicht nur als Angehörige betrifft.

Sie haben einen Podcast zum Thema „Toxische Beziehungen“ und haben auch einen Ratgeber über „Verdeckten Narzissmus in Beziehungen“ geschrieben. Gibt es Parallelen zwischen romantischen, selbst gewählten Beziehungen und Abhängigkeitsverhältnissen wie die der Kinder, die den Personen, in deren Obhut sie gegeben worden, strukturell ausgeliefert sind?

Die Parallele ist der Missbrauch. Und der ist in allen Formen noch unter dem Radar. Vor allem aber eben auch in der weniger greifbaren Variante des emotionalen, psychischen Missbrauchs. Blaue Flecken kann man sehen. Was man der Seele antut, ist schwerer aufzudecken. Da braucht es noch viel Sensibilisierung. Das zeigen nicht zuletzt die aktuellen Studien über Missbrauchsfälle in den Kirchen.

Wie gelingt es der Hauptperson, in dieser herausfordernden Situation ihren Humor zu bewahren?

Andersrum wird ein Schuh draus: Für Lale ist Humor eine Quelle der Überlebenskraft, die ihr hilft, eben jene Krisen zu meistern. Und, Hand aufs Herz: Nicht nur für Lale. Auch für mich. – Erwischt! Das ein oder andere habe ich wohl – Überraschung! – mit meiner Hauptfigur gemein.