Buchvorstellung „Ich erinnere mich für dich”

16 Min. Lesezeit
Literatur
Warum selbst eine Amnesie unsere Träume nicht auslöschen konnte
Wenn plötzlich nichts mehr ist, wie es mal war …

Michi und Marc Schreiber stehen kurz davor, ihren langgehegten Traum zu verwirklichen: eine Auffangstation für verletzte und beschlagnahmte Wildtiere an der rauen Küste Südafrikas. Nach Jahren voller bürokratischer Hürden, endloser Grundstücksbesichtigungen und schlafloser Nächte scheint endlich alles perfekt. Die Genehmigungen sind zugesagt, das ideale Stück Land gefunden – und auch privat blühen sie auf: In Jeffreys Bay finden sie ein neues Zuhause, lernen das Surfen, werden ein Teil der Gemeinschaft. Es fühlt sich an wie Ankommen.

Doch nur wenige Tage vor dem Grundstückskauf zerreißt ein einziger Moment alles: Ein schwerer Autounfall. Marc überlebt mit leichteren Verletzungen. Michi nicht – zumindest nicht als die, die sie war. Ihre linke Gesichtshälfte ist zertrümmert, das Gehirn schwer geschädigt.

Die Diagnose ist niederschmetternd: globale Amnesie. Kein Gestern. Kein Morgen. Keine Erinnerung. Keine Michi.

Was folgt, ist der Sturz in eine stille, beängstigende Welt. Marc kämpft mit Verzweiflung, Erschöpfung – und der erdrückenden Verantwortung, plötzlich allein über Michis Gesundheit entscheiden zu müssen. Der Rücktransport nach Deutschland, endlose Gespräche mit Ärzten, das ständige Abwägen zwischen Hoffnung und Realität – all das lastet auf seinen Schultern.

»Ich erinnere mich für dich« ist eine wahre, tief bewegende Geschichte über die Zerbrechlichkeit des Lebens, das Vergessen – und darüber, dass manche Träume tiefer verankert sind als jede Erinnerung. Mit einem Vorwort von Karin Kuschik.

„Ich erinnere mich für dich“, Michi & Marc Schreiber, Goldmann Verlag, ET August 2026, 368 Seiten, Paperback, 18 €.

 

Gespräch mit Michi und Marc Schreiber

 Euer Leben hat sich durch einen Autounfall von einer Sekunde auf die andere drastisch verändert. Was war für euch rückblickend jeweils individuell die größte Herausforderung?

Michi: Die größte Herausforderung für mich persönlich war, zu begreifen, dass ich zwar bis zu einem gewissen Grad zu meinem alten Ich zurückfinden kann, aber auch nicht vollständig. Ich bin nach dem Unfall nicht mehr die gleiche Person wie davor – sowohl optisch als auch was meine Fähigkeiten anbelangt. Schwierig war es daher, die Balance zu finden, zwischen der Selbstannahme und Trauer, dass sich etwas verändert hat und dass ich auch Fertigkeiten verloren habe, aber auch der Erkenntnis, dass sich nicht alles verändert hat und ich trotz allem doch ich selbst geblieben bin.

Marc: Für mich standen je nach Phase andere Herausforderungen im Vordergrund: Ganz am Anfang noch in Südafrika musste ich in der Akutphase die medizinische Hilfe und unsere Rückreise alleine organisieren und Entscheidungen für Michi treffen und Ansprechpartner für die Ärzte sein, weil sie selbst keine Aussagen über ihren Zustand treffen konnte, da sie ja in ihrem Zustand gar nicht wissen kannte, was sie nicht wusste. In der Zeit habe ich einfach nur funktioniert und wenig wahrgenommen. Das einzige Gefühl, was mir aus der Zeit noch sehr in Erinnerung geblieben ist, war die Sorge, was passiert, wenn auch ihr Kurzzeitgedächtnis so beeinträchtigt bleiben würde, denn dann wäre Michi ein Pflegefall geworden, hätte nie wieder arbeiten und auch ihre Träume nicht mehr weiterverfolgen können. Das hat mich in der Phase am meisten bewegt. Diese Sorge konnte ich in dem Moment auch nicht mit ihr teilen, da die Zeitspannen, an die sie sich erinnern konnte, zu kurz waren. Danach war alles wieder weg und ich musste wieder bei Null anfangen, ihr zu erklären, was überhaupt passiert ist und warum sie im Krankenhaus ist. Sie war daher in dem Punkt relativ entspannt, weil ihr diese Gefahr gar nicht bewusst wurde. Ihre Erinnerungen setzen erst wieder ein, als sie sich auch den Vortag behalten konnte und da war ja bereits eine Verbesserung eingetreten. Für sie stand dann eher die Angst, sich im Alltag nicht zurechtzufinden im Vordergrund.

 

Was hat sich für euch als Paar verändert, als ihr zurück in Deutschland wart?

Marc: Als die ersten Operationen rum waren und wir versucht haben, in unserer eigenen Wohnung wieder so etwas wie einen Alltag zu finden, war es am schwierigsten, einen Umgang mit dem Zeitraum zu finden, an den Michi sich nicht mehr erinnern kann. Das hat am Anfang auch zu Reibung geführt, weil die Erinnerungen für mich mit Emotionen verbunden waren, die ich mit Michi teilen wollte, für Michi war das aber eine ständige Erinnerung an das, was weg ist, was sie nicht mehr kann, so dass sie nicht ununterbrochen damit konfrontiert werden wollte. Wir haben in der Zeit zusammen einen Film geguckt, „Für immer Liebe“, in der die Protagonistin ähnliches erlebt hat und deren Freunde, an die sie sich nicht erinnern konnte, haben eine „Welcome Back“-Party geschmissen, was für sie ganz furchtbar war. Für Michi war das total klar, aber ich hatte diese Perspektive zunächst nicht und habe lernen müssen, dass gut gemeint, nicht immer gut gemacht ist. Im Nachhinein haben wir das recht schnell hinbekommen, einen Weg in Michis Tempo zu finden, aber als wir in der Situation mittendrin steckten, war das nicht einfach.

Michi: Für uns als Paar war auch diese unglaubliche Gleichzeitigkeit fordernd: Wir mussten parallel heilen und gleichzeitig auch weiter funktionieren, obwohl wir eigentlich nicht funktionieren konnten. Wir hatten ständig das Gefühl, der Vielzahl an Dingen, die auf uns zukamen, nicht gerecht zu werden. Es war einerseits wahnsinnig viel zu organisieren medizinisch und im Alltag und wir waren dauerhaft zerrissen, zwischen Marcs Bedürfnissen und meinen. Marc dann auch irgendwann wieder zwischen seiner Arbeit und der Notwendigkeit, mir im Alltag zu helfen, zwischen der Erkenntnis, dass ich jetzt z.B. in die Reha gehen darf, dass aber eigentlich noch gar nicht alleine kann. Wir hatten so viele Parallel-Schauplätze, die unsere Aufmerksamkeit brauchten. Ich glaube, das geht vielen Menschen so, die an etwas erkrankt sind oder den pflegenden Angehörigen: Man ist eigentlich dauerhaft überfordert. Hätten wir uns in der Zeit erlaubt, durchzuatmen und wirklich in uns reinzufühlen, hätten wir gar nicht mehr funktionieren können. Also haben wir einfach weiter gemacht. Erst hintenraus, wenn man das überstanden hat, merkt man, wie viele Emotionen noch da sind, dass jetzt im Außen zwar alles soweit wieder gut ist, wir aber nun im Innen weiterschauen dürfen, was die Zeit mit uns eigentlich emotional gemacht.

 

Wie hat sich eure Beziehung durch die Amnesie verändert? Hat sich für euch durch den Unfall auch etwas zum Positiven verändert?

Marc: Was schön war, war das wir so viel Zeit zusammen hatten. Wir waren schon immer sehr eng, aber wir sind durch den Unfall nochmal enger zusammengerückt und das verbindet einen nochmal auf einer viel tieferen Ebene. Viele denken am Anfang einer Ehe, dass die schwierigen Zeiten vielleicht im Alter kommen, wenn einer von beiden pflegebedürftig wird. Wir hatten diese Herausforderung gegenseitig füreinander wirklich da sein zu müssen nach den ganzen Operationen, die wir beide hatten, schon mit Ende 20 bzw. Mitte 30 und wir wissen jetzt, dass wir uns zu 100% aufeinander verlassen können. Das gibt einem viel Mut für alles, was noch auf uns zukommen könnte. Wir haben uns nicht nur das Wort gegeben, sondern wir haben es auch schon bewiesen.

Ich war auch schlimm genug verletzt, dass ich die ersten drei Monate krankgeschrieben war. Die Zeit war für uns manchmal ein bisschen wie eingefroren, für einen Spaziergang, für den wir sonst 20 Minuten gebraucht haben, haben wir zwei Stunden gebraucht durch unsere Einschränkungen. Und wir haben auch eine gewisse Dankbarkeit empfunden, diese Zeit zusammen zu haben.

Auch das Verhältnis zu unseren Eltern hat sich verbessert, die vorher unsere unkonventionelle Lebensweise nicht immer nachvollziehen konnten und sich uns mehr in der Nähe gewünscht hätten. Wir haben gemerkt, wie sehr wir uns auf sie verlassen können und der Unfall hat auch bei ihnen nochmal Reflexionsprozesse angestoßen. Sie haben teilweise rückblickend vieles besser verstehen und unsere Beziehung auch besser nachvollziehen können.

Michi: …und sie wollen jetzt alle sogar nach Südafrika reisen und anschauen, wie wir dort leben (lacht). Das wollten sie vorher nicht!
Verliebt zu sein am Anfang ist immer leicht, der Alltag ist dann schon für viele schwieriger, aber Schicksalsschläge können viele Paare entzweien. Zu wissen, wir bekommen das hin, auch wenn es nicht leicht ist, wir haben auch bei Konflikten immer wieder die Bereitschaft aufeinander zuzugehen und den anderen verstehen zu wollen. Und zu wissen, dass wir beide auch bereit sind, uns verletzlich zu zeigen und nicht nur zu helfen, sondern sich auch helfen zu lassen. Das bringt ein ganz anderes Fundament und Stabilität in die Beziehung und lässt uns positiv in die Zukunft sehen.

 

Gibt es Situationen, die Außenstehende unterschätzen, die für dich, Michi, aber in Bezug auf die Amnesie besonders schwierig sind?  

Michi: Wenn man jemandem seine Erkrankung nicht stark ansieht, dann verstehen Dritte oft gar nicht, wie sehr es einen einschränkt und belastet und was man alles durchgemacht hat. Es belastet mich bis heute, dass ich nicht mehr genauso aussehe wie vorher. Ich bin nicht entstellt, Menschen, die mich nicht kannten, denen fällt das auch gar nicht auf, aber ich selbst sehe und fühle immer, dass ein Teilbereich meines Gesichts gelähmt geblieben ist, jedes Foto von mir ist für mich eine stille Erinnerung an das, was ich durchgemacht habe.

Außenstehende können sich auch nicht vorstellen, wie schwer es ist, nicht zu wissen, was man nicht weiß – von kleinsten Details bis große Erlebnisse. Und dass es auch nicht hilft, mir einen Erinnerungsbrocken an etwas hinzuwerfen, in Erwartung, dass daraufhin Erinnerungen zurückkommen. Das tun sie nicht, man muss mir wirklich 100% eines gemeinsamen Erlebnisses erzählen: Wo war das? Mit wem waren wir da? Wie sind wir da hingekommen? Welche Jahreszeit war es, wie war das Wetter? Worüber haben wir gesprochen? Das vergessen außer Marc auch meine Familie und Freunde immer wieder. Treffen mit mehreren Personen sind wahnsinnig anstrengend für mich, da ich zu jeder Person versuchen muss, mir Hintergrundinformationen zu merken, die ich nicht mehr weiß: Was habe ich mit der Person in den zwei Jahren erlebt, die mir fehlen? Wenn ich eine Person in den letzten zwei Jahren vor dem Unfall erstmals getroffen habe, ist sie mir völlig fremd. Das ist schwer zu verstehen und es sind auch Freundschaften daran zerbrochen, weil diese damit nicht umgehen konnten oder es persönlich genommen haben, wenn ich für etwas keinen Raum mehr hatte.

 

Was hast du durch die neue Situation (neu) lernen müssen oder dürfen?

Michi: Ich habe lernen müssen, ganz klar Grenzen zu setzen. Früher hatte ich sehr viel Energie und hab fast alles auch für andere möglich gemacht. Das ging dann nicht mehr und das haben mir manche Menschen übelgenommen. Das war nicht leicht, weil es mir dadurch erstmal noch schwerer fiel, Grenzen zu setzen, aus Angst, noch jemanden zu verlieren. Und gleichzeitig musste ich es, weil es von meinen Kräften her einfach nicht ging.

Schicksalsschläge sind manchmal auch Loslösungsprozesse von Dingen, Menschen und auch Verhaltensweisen, die nicht mehr passen. Ich habe gelernt, nein zu sagen. Wir haben ja oft, besonders als Frauen, das Bedürfnis, dass ein Gegenüber das „Nein“ versteht – aber ich habe gelernt, dass selbst wenn man ein gebrochenes Gesicht hat und Jahre vergessen hat, verstehen manche Menschen das nicht – wollen ein „Nein“ nicht sehen. Aber ich habe gesehen: Warum will ich mich bei einem „Nein“ vor jemandem rechtfertigen, dem meine Grenzen egal sind? Also kann es mir auch egal sein, wie es der Person mit dem Nein geht? Ich bin rigoroser und klarer geworden. Bevor ich mich selbst verliere durch ein „Ja“, was ich eigentlich nicht will, verliere ich lieber jemand anderen durch das „Nein“.

 

Weißt du inzwischen, was du alles vergessen hast?

Michi: Das ist im Detail schwer zu sagen, weil man ja nicht weiß, was man nicht weiß. 2025 und 2024 ist eigentlich komplett weg, von 2023 fehlen vielleicht 60 %, ab 2022 habe ich das Gefühl, dass ich an fast alles, worüber wir reden, auch eine Erinnerung habe. Aber man redet ja auch nicht über alles. Auch da kann es mal passieren, dass ich bei etwas merke, dass es auch mit Erinnerungsstützen weg ist. Und wie viele Details, über die ich mit niemanden gesprochen habe, fehlen, weiß ich natürlich auch nicht. Aber ich lerne, immer besser damit umzugehen und auch vorbereitet zu sein auf Situationen, in denen ich damit konfrontiert werde, etwas nicht zu wissen. Als wir kürzlich auf einem Event waren, bin ich vorher mit Marc durchgegangen, wer da sein könnte, woher ich die Personen kennen könnte und was wichtig wäre, zu wissen. Ich habe inzwischen aber auch gelernt, es aushalten, jemanden nicht zu erkennen.

 

Welche Erinnerungen fehlen dir am meisten?

Michi: Am traurigsten sind die Erinnerungen, die man nicht mehr nachholen kann. Bei Kindern und bei älteren Menschen sind zwei Jahre einfach was ganz anders, die sind unwiderruflich verloren. Eine vergessene Reise kann ich wiederholen, eine Hochzeit kann ich nochmal nachfeiern, aber meine Oma ist inzwischen verstorben und die letzte gemeinsame Zeit, die auch besonders intensiv war, ist weg. Das ist sehr schwer zu akzeptieren. Auch vergessene Erlebnisse mit meinem Patenkind bedauere ich sehr, er ist so groß geworden! Und zusätzlich kann er als Kind auch nicht verstehen, warum mich jetzt an unseren gemeinsamen Tauchurlaub nicht erinnern kann, was ein sehr großer Wunsch von ihm war. Was ich auch sehr bedauere, ist, dass ich mich an meinen Uniabschluss nicht erinnern kann, die Feierlichkeiten, die tollen Roben. Ich habe da so lange drauf hingearbeitet, hab schon als Teenie davon geträumt, im Ausland zu studieren und eines Tages meinen Hut zu werfen, wie in den amerikanischen Filmen. Das habe ich in Oxford dann auch gemacht. Aber ich weiß es eben nicht mehr.

 

Wie fühlt es sich an, wenn Menschen Dinge über dich wissen, an die du selbst keine Erinnerung hast?

Michi: Am Anfang war das sehr schwierig für mich, weil ich mich so ausgeliefert gefühlt habe. Letztlich hatten aber auch nur die Freundschaften bestand, bei denen ich mich auch sicher, wohl und gut aufgehoben gefühlt habe – mein Freundeskreis hat sich in der Zeit nach dem Unfall ungefähr halbiert.

 

Wenn ihr anderen Paaren in Extremsituationen einen Rat geben könntet – welcher wäre das?

Marc: Möglichst klar zu kommunizieren. Das haben wir zum Glück von Anfang an in unserer Beziehung. Michi ist da sehr gut drin, was für mich auch anfangs eine Herausforderung war, weil ich es von meiner Familie und aus vorherigen Beziehungen nicht kannte, mich so sehr zu öffnen, über Bedürfnisse und Ängste zu sprechen. Nach dem Unfall hat uns das aber sehr geholfen, den jeweils anderen besser zu verstehen. Und dessen Wahrnehmung auch zu akzeptieren und den anderen nicht davon zu überzeugen, dass die eigene Wahrnehmung die „Richtigere“ ist.

 

Auf welche Schwierigkeiten seid ihr im Umfeld und auch im medizinischen System gestoßen?

Marc: Nicht ernst genommen zu werden. Wenn man nicht schwer krank aussieht, denkt das Umfeld, egal ob Freunde oder auch Ärzte: So schlimm kann es ja nicht sein. Wenn jemand eine Chemotherapie macht und an einem guten Tag Freude und Energie hat, sagt ja auch niemand „Ach super, du bist gesund, der Krebs ist wohl offenbar weg“. Bei uns war es aber so, dass wenn Menschen uns nach den OPs, als die Schwellungen weg waren, zusammen draußen gesehen haben oder auch mal fröhlich, hieß es: Na so schlimm kann das ja dann alles nicht sein. Das ist wahnsinnig frustrierend, wenn man nicht die Hilfe bekommt, die man benötigt, aufgrund oberflächlicher Urteile dritter, die gar nicht richtig hingucken. In der Reha wurden Michis Beschwerden als psychosomatisch abgestempelt, ohne die Befunde vollständig angefordert zu haben.

Michi: Die Chirurgen haben nur das Chirurgische gesehen und die Neurologen nur das Neurologische, die haben dann, dadurch, dass ich z.B. keine Sprachstörungen hatte, mich teilweise gefragt, wo denn eigentlich mein Problem sei. Das ist unglaublich unangenehm, wenn man nicht ernst genommen wird und fremden Leuten immer wieder mehr erzählen muss, als man eigentlich möchte. Das ist leider etwas, was viele erkrankte Menschen kennen: diese Machtlosigkeit, wenn man nicht ernst genommen wird. Das zieht einem den Boden unter den Füßen weg, weil man ganz viel Vertrauen verliert. Dazu kam: Sobald wir ein bisschen Kraft hatten, war von allen sofort der Anspruch da, dass wir wieder genauso funktionieren sollten, wie vorher. Das hat zu Konflikten geführt: Bei Marcs bei Arbeit, bei Freunden, aber auch bei Ärzten.

Marc: Bei meinen körperlichen Verletzungen in Schulter und Rücken wurde ich immer ernst genommen, wenn ich gesagt habe, dass etwas nicht wirkt und ich nach wie vor Schmerzen habe. Bei Michis mentalen Symptomen wurden eher Michis Angaben hinterfragt, wenn irgendeine Therapie nicht angeschlagen hat. Das ist wahnsinnig frustrierend.

 

Was sollten andere Betroffene unbedingt wissen, um sich besser behaupten zu können?

Michi: Man braucht wenigstens eine einzelne Vertrauensperson, die einen auf dem Weg unterstützt und einem glaubt. Egal, ob das jetzt ein Elternteil, Partner, jemand aus dem Freundeskreis oder vielleicht sogar ein Arzt ist: man brauchte eine Person, mit der man positive Erfahrungen macht, sonst bleibt man in Resignationsschleifen hängen. Denn man wartet einfach so viel in diesem System, auf Termine, auf Infos, das ist irre anstrengend. Dann probiert wieder ein Arzt was aus, aber wenn das nicht wirkt, lässt er einen wieder fallen, weil bei den Fachärzten ja die Patienten Schlange stehen, so dass sie sich die Fälle aussuchen können. Wir haben bis jetzt keinen Arzt gefunden, der oder die den Ehrgeiz hatte, dranzubleiben. Wenn deren Plan A nicht funktioniert hat, mussten wir wieder weiterziehen. Und wieder warten.

 

Ihr hattet große Pläne mit eurer Auswilderungsstation – wie ist der aktuelle Stand? Und hat sich euer Traum durch den Unfall verändert?

Michi: Wir warten noch auf das finale Go für das Grundstück für die Auffangstation, das kann sich in Südafrika allerdings ziehen. Doch die Signale sind sehr positiv. Wir haben aber bereits ein kleines Haus gekauft. Unser Traum hat sich überhaupt nicht verändert, die Pläne sind höchstens noch ganzheitlicher geworden, weil wir jetzt noch viel vernetzter vor Ort sind. Es kam noch ein Plastikprojekt mit einem Township dazu, die Kinder können Plastik abgeben und bekommen dafür Kleidung und Hygieneartikel und wir machen aus dem Plastik Bausteine, um daraus die Auffangstation aufzubauen. Unser Blick hat sich durch die neuen Kontakte nochmal geweitet.

Marc: Was total spannend war, dass Michi viele Entscheidungen, die sie schon getroffen hatte, auch beim zweiten Mal auf Basis der gleichen und teilweise neuen Infos, genauso nochmal getroffen hat.

Michi: Das ist echt schön, zu merken, dass unser Traum geblieben ist. Viele Menschen überdenken durch einen Schicksalsschlag ihr Leben. Wir haben gemerkt, wir waren schon vorher auf dem richtigen Weg!

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