Buch: „Querfeldein“ von Alex Capus

3 Min. Lesezeit
Literatur

Johanna Bonengels Buchtipp

„Querfeldein“ von Alex Capus

Eine eindringliche Geschichte über Eigensinn und Widerstand

Alex Capus, 1961 als Sohn eines Franzosen und einer Schweizerin in der Normandie geboren, lebt seit über 50 Jahren als freier Schriftsteller in Olten in der Schweiz. Aber Capus schreibt nicht nur, denn jeden Montagabend steht er am Tresen in seiner eigenen Bar, in der Bar „Galicia“, und freut sich auf seine Gäste, meist aus der Generation 50 +. Seine Familie, seine Arbeit, seine Bar, alles was Capus liebt, findet er in der Kleinstadt, schenkt selbst aus und hört den Menschen zu. Von ihnen und ihren authentischen Geschichten lässt er sich inspirieren. „Ich lebe in der Empfindung, dass die Welt voller Geschichten ist. Das ist mein Kosmos.“ Diesen Geschichten spürt Capus nach und verwandelt die Spuren in einfühlsame, packende Romane. Besonders liebe ich „Léon und Louise“, „Susanna“ und „Das kleine Haus am Sonnenhang“. Immer finden wir in seiner Poesie Alltagsmenschen, die keine Helden sind, aber eine innere Kraft haben, eine klare Haltung, die sie fähig macht, alle Schicksalsschläge zu ertragen. Wichtig ist Capus auch ein wahrer Bezug zu einer präzisen historischen Zeit, in der seine Romanfiguren leben.

In dem Schweizer Dorf Ramsen an der Grenze zwischen der Schweiz und Deutschland spielt der neue Roman „Querfeldein“ in der Zeit um 1933.
Zunächst die wahre Geschichte: Der Schmuggler Hermann Weber, ein „Bär von einem Mann“ aus Böhmen, befördert Kaffee und Zucker und auch ein bisschen kommunistisches Propagandamaterial zwischen Singen in Deutschland und dem Kanton Schaffhausen hin und her. Das geht lange gut, bis er von Nazi-Schergen auf Schweizer Boden verhaftet, misshandelt und nach Deutschland verschleppt wird. Aber die Schweizer Behörden bringen es fertig, dass Hermann zurückkehren kann. Wichtiger Faktor des Erfolgs ist die Tatsache, dass sich die Einwohner des Dorfes Ramsen beherzt gegen SS-Männer und deutsche Polizei zur Wehr setzen.

Viel wichtiger als die historische Authentizität ist aber das erzählte pralle Leben der Menschen in Ramsen. Dieser Teil ist nicht historisch belegt. Im Mittelpunkt steht eine Kneipe, die sich unter dem Wirt namens Arnold zu einem beachtlichen Gasthaus entwickelt. Arnold ist der Sohn eines Arbeiters und damit Außenseiter im Dorf, in dem reiche Bauern das Sagen haben. Aber er schafft es, sich nach oben zu kämpfen, frei und unabhängig zu werden, das „Grauen vor dem Hamsterrad“ des Alltagskorsetts hinter sich zu lassen. Lebenselixier für Arnold ist auch seine eigensinnige Frau Betty, die eines Tages wie eine Amazone mit wehendem Mantel und einem Pferd auftaucht. Zusammen haben sie acht Kinder; die älteste ist Clara, eine unkonventionelle, freiheitsliebende Streunerin.

Die Erzählung vom Leben im Dorf, im Wirtshaus und in der Familie wird durch den Schmuggler Hermann mit der historischen Wahrheit verwoben. Clara und Hermann werden ein Paar, das leidenschaftlich zusammensteht. Capus gelingt es, die Figuren lebendig und einprägsam zu zeichnen. Zum Beispiel auch den wortkargen Schildermaler Sepp, der noch ein spätes Glück findet.

Capus hat eine eigene Erzählweise. Wenn Dialoge, dann charakterisieren sie die Figuren trefflich. Ein gutes Beispiel ist das erste Zusammentreffen zwischen Betty und Arnold:
„Als ihre Teller leer waren, fragte Betty: ‚Ist das dort die Treppe nach oben?‘ ‚Das ist die Treppe nach oben.‘ ‚Gibt es eine Frau dort oben?‘ ‚Nein.‘ ‚Gab es mal eine Frau dort oben?‘ ‚Nein. Gibt es einen Mann dort, wo du herkommst?‘ ‚Ich komme von nirgendwo her.‘ ‚Verstehe. Du bist vom Himmel gefallen. Soll ich uns Kaffee holen?‘ ‚Lass uns lieber nach oben gehen.‘“

Der Roman erzählt eine Geschichte über Partnerschaft, Respekt und Zusammenhalt, über Eigensinn und Widerstand. Das Ende ist offen. Große Leseempfehlung!

Alex Capus: Querfeldein, Carl Hanser Verlag, München 2026, 287 Seiten, 25 €.

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