„Magna Rota – מגנא†רוטא: Kunstverein lädt zur Finissage

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Julius Bobke. Benzin 130 x 100 cm Acryl Beize Bitum Bleiche auf Leinwand 2018

Mit einer Finissage klingt das interkulturelle Ausstellungsprojekt „Magna Rota – מגנא†רוטאvon Julius Bobke und Zohar Fraiman am Samstag, 25. Januar 2020, um 11 Uhr im Kunstsalong in der Kunsthalle aus. Die nicht nur in Israel auf große positive Resonanz gestoßene Ausstellung ist letztmalig an diesem Tag zu sehen.

Im Rahmen der Finissage wird der Katalog zur Ausstellung vorgestellt und die Künstler ziehen Bilanz und geben interessierten Besucherinnen und Besuchern noch einmal die Gelegenheit, mit ihnen über die Ausstellung zu diskutieren.

Der Titel der Wanderausstellung, die von Israel nach Deutschland führt, das heißt von Tel Aviv nach Schweinfurt, ist dem historischen Krahn, dem Tretrad oder auch Tretmühle gewidmet. Durch diese Erfindung war der Transport von Unten nach Oben möglich. Pieter Bruegel der Ältere malte ihn auf Turmbau zu Babel (1563) und Oscar Wilde musste in seiner zweijährigen Zwangsarbeit eine Tretmühle bedienen. Die Arbeit an ihr war körperlich höchst anstrengend und gefährlich. Teilweise bis zu 20 Menschen bedienten solch einen Krahn, sie mussten in den Laufrädern laufen, die Ladung stabilisieren, beim Be- und Entladen helfen. Die Strecke von Unten nach Oben, oder vielmehr das Zusammenhalten beider Orte, verbindet auch die Künstler Bobke und Fraiman. Bobkes Teppiche und Fraimans blaue Bilderwelten handeln von der Erde und vom Himmel, sie berühren beide Pole, den Boden und die Decke, das Imaginäre „unter den Füßen“ und „über dem Kopf“ des Betrachters.

Das Ausstellungsprojekt führt in die Heimat der Künstler. Für Zohar Fraiman ist es Israel, für Julius Bobke Deutschland. Es ist jedoch offensichtlich, dass dieses Projekt kein Politisches ist. Es geht um Malerei, klassisch und digital sowie um die ikonografische Neuschöpfung von Bildern, ob durch falsche Teppiche oder zerstückelte Comicfiguren.

Zohar Fraiman Ernst, 140×110 cm, oil on canvas, 2018

In Juice World erinnert Fraimans blaue Sphäre eher an eine Unterwasserwelt. Angelehnt ist die szenografische Kulisse an die US-amerikanische Zeichentrickserie Dexter‘s Laboratory, ein Geheimlabor des kleinen, intelligenten Jungen Dexter im Haus seiner Eltern. Das hell schimmernde Wesen entstammt einem Musikvideo des Rappers Juice WRLD und stellt hier eine Mischform aus Frau, Katze, Eule und Wurm dar. Zohar Fraiman kreiert Hybridwesen aus der Popkultur, bevorzugt aus der Kinder- und Jugendkultur. Das sie oft umgebende Blau sah die Künstlerin aber auch auf den Fresken von Giotto di Bondone, wie auf seinem Bilderzyklus in der Cappella degli Scrovegni über das Leben der heiligen Maria und Jesu Christi. Auf der Hand liegen die formal erzählerischen Parallelen dieser Renaissance-Bildgeschichten und dem Aufbau von Comics des 20. Jahrhunderts. Für Zohar stellt sich die Frage, zu welchen Realitäten man sich zugehörig fühlt und welche Narrationen unser Heranwachsen und unsere Identität prägen.

Auch Julius Bobke bearbeitet die Identitätsprägung, jedoch nicht durch figürliche Wesen, dafür aber durch Karten, die Territorien und Gebietsgrenzen festhalten oder eben Teppiche, alles in allem also menschliche Erzeugnisse, die Kulturen und Epochen charakterisieren und somit auch für ihre Besitzer und Nutzer eine Identität darstellten. Das malerische Ausbleichen der alten Muster, wie auf Carpet Patrol II, ist bereits eine Verabschiedung dieser Zugehörigkeiten. An die Stelle tritt eine abstraktere Ästhetik, die Luft und Platz schenkt – das Atmen fällt leichter, wenn der alte, verstaubte Teppich ausgeräumt wird.

Das Nachdenken über Zugehörigkeit und die darauf Einfluss nehmenden äußeren, kulturellen Narrationen sind Leitfäden in beiden Künstlerpositionen. Letzten Endes entstand dieses Ausstellungsprojekt aber auch durch Fraimans und Bobkes eigenes, privates Gefühl, sich zugehörig zu fühlen. Beide studierten an der Universität der Künste Berlin bei Professor Burkhard Held und teilten sich dort im Atelier eine Wand. Das gemeinsame Arbeiten kannten sie bereits. Auch wenn ihre Werke so unterschiedlich anmuten, wissen sie über die malerischen Dialoge, die sie führen: mit der Kulturgeschichte, der Popkultur, Mal- und Drucktechniken, dem Boden und dem Himmel und unter sich selbst.