Jahrzehntelanger Kampf: Gegen Vertuschen und Vergessen

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Gedenk-Ort “Drei Linden” am Main mit Informations-Tafeln

Die Schweinfurter „Initiative gegen das Vergessen“ ist eine Arbeitsgemeinschaft, die sich seit 40 Jahren mit der Aufarbeitung der Zeit des Nationalsozialismus beschäftigt. Sie kämpft gegen das Vertuschen, Verdrängen, Verharmlosen und Vergessen. Es geht vor allem um die Vorgänge und Strukturen in der Region Schweinfurt. „Wir wollen durch Aufklärung rechtsextremen und autoritären Entwicklungen und Bewegungen entgegentreten und Demokraten Fakten und Argumente in die Hand geben, um diese Entwicklungen zu bekämpfen“, sagt Sprecher Klaus Hofmann.

Die konkreten Fakten, durch Forschung in Archiven und Unterlagen, in Gesprächen und Berichten mit und von Zeitzeugen, Recherchen vor Ort und im Internet, werden dokumentiert und ausgewertet. Dafür bedient sich die Initiative vielfältiger Formen der Aufklärungs- und Erinnerungsarbeit.

Ihre Erkenntnisse vermittelt die Gruppe in öffentlichen Veranstaltungen und bei thematischen Stadtführungen. Die Arbeit wird auch durch einige Publikationen, auf der eigenen Homepage (www.initiative-gegen-das-vergessen.de) sowie auf der Homepage www.schweinfurtfuehrer.de bekannt gemacht. Die Initiative ist verantwortlich für drei Gedenkorte. Zwei Orte erinnern an die Zwangsarbeit in Schweinfurt und wurden von der Gruppe geplant und umgesetzt. Der Gedenkort für die jüdischen Mitbürger wurde auf langjährige Anregung der Initiative würdig umgestaltet.

Ziel war und ist es, über diese Ergebnisse Öffentlichkeit zu schaffen, eine Auseinandersetzung anzuschieben und dauernde Erinnerung zu ermöglichen. Erfreulich ist, wenn Interessierte und Verbände sich anregen lassen, damit weiterarbeiten und aufklären. Die vielfältigen Angebote werden von der Öffentlichkeit sehr gut angenommen, was bestätigt, dass die aufwändige Arbeit Sinn macht.

Die Aufklärung junger Menschen ist der Initiative vorrangig- sie geschieht durch Vorträge in Schulen und Stadt-Führungen. Bedeutend sind die Übernahme der Patenschaft für Gedenkorte und ein lebendiger Umgang mit diesen Themen in den Schulen.

Jährliches Gedenken an Zofia Malczyk mit Schülern des Bayernkollegs. Sie wurde kurz vor Ende des Krieges von Polizisten im 7. Monat schwanger mit 18 Jahren, am Krankenhaus erschossen.

Das Schweinfurter Zwangsarbeiter-System wurde sehr gut untersucht. Sowohl durch viele Zeitzeugen-Interviews von Menschen, die nach Schweinfurt verschleppt wurden, aber auch durch Berichte Schweinfurter Zeitzeugen. Dokumentiert sind die brutalen Arbeits- und Lebensbedingungen, die die Zwangsarbeiter erleben mussten, die Lager und Unterkünfte, in denen sie litten, die Unterdrückung, die Strafmaßnahmen, die sie erleiden mussten, die schlechte Versorgung und in der Folge der tägliche Hunger.

Natalia Kulisch (93) mit Ihrem Sohn Iwan bei einem Interviewbesuch in der Ukraine. Frau Kulisch war Zwangsarbeiterin bei VKF (= SKF).

Von den geschätzten 10000 bis 12000 „Schweinfurter“ Zwangsarbeitern sind mehr als 9000 Namen zusammengetragen und die Daten gelistet. Eine Führung entlang der alten Industrie- Lager für die Zwangsarbeiter und drei der Veröffentlichungen behandelt dieses Thema. Immer wieder melden sich auch Angehörige mit Anfragen, sowohl aus dem Ausland als auch aus Deutschland, die dann recherchiert werden, um Auskünfte geben zu können.

Die Initiative begann 1980 im „Arbeitskreis Faschismus“ der DGB-Jugend Schweinfurt. Dieser erarbeitete die Situation vor der Machtergreifung der Nazis, die Verfolgung und Ausschaltung der Demokraten und Andersdenkender, die Verschleppung in die KZ, die Verbote aller Parteien- außer der NSDAP, die Zerstörung der Gewerkschaften und die Gleichschaltung aller Organisationen mit der NS-Arier-Ideologie. Die Recherchen sind im Buch „Nach dem Krieg war keiner Nazi gewesen …“ (3. Auflage) mit vielen Fotos und Zeitzeugen-Berichten zusammengefasst. Der Titel ist das Zitat eines deutschen Zeitzeugen aus Schweinfurt. Zu den damals handelnden Personen der Nazi-Struktur gibt es ebenso Untersuchungen und Zusammenstellungen wie über die Zusammenarbeit der Firmen mit dem NS-System und die innerbetrieblichen Hierarchien und Verstrickungen.

Die brutale Verfolgung, die Ausraubung, Entrechtung und schließlich Ermordung vieler deportierter Schweinfurter Juden ist Inhalt einer weiteren Publikation und einer immer gut angenommenen Stadtführung.

Um junge Menschen anzuregen, sich mit geschichtlichen Fragen zu beschäftigen, bietet die Initiative seit 2013 alle zwei Jahre einen Geschichtswettbewerb für Schulen und junge Menschen an. In drei Runden haben sich bereits viele junge Menschen intensiv mit der regionalen Geschichte und Geschichten beschäftigt. Eine Jury bewertet die eingereichten Arbeiten und schlägt die drei Preisträger mit der Geldprämie vor. Der Wettbewerb wird durch die “Oskar-Soldmann-Stiftung“ finanziert.

Preisverleihung beim Geschichtswettbewerb mit den Preisträgern

Die Aktiven der Schweinfurter Initiative gegen das Vergessen sind ausschließlich ehrenamtlich tätig. Die Gruppe erhält keine laufende finanzielle Unterstützung. „Unsere finanzielle Situation hängt von Spenden ab, die wir von Einzelpersonen erhalten oder die bei Veranstaltungen und Führungen zusammenkommen“, erläutert Hofmann. Bei größeren Projekten gibt es auch Spenden oder Unterstützung durch die Stadt Schweinfurt, Industrie-Betriebe, die Gewerkschaften oder sonstige Institutionen.

Ganz wichtig war und ist die meist breite wie positive Resonanz in der Bevölkerung. Die Angebote werden gut angenommen. Erfreulich ist auch das stete Interesse, sich über die Arbeit und Themen zu informieren und zwar bei Jung und Alt. Dies ist der Gruppe vor allem vor dem Hintergrund von immer wiederkehrenden „Nestbeschmutzer“-Vorwürfen wichtig.

Bei Interesse an Informationen bietet die Homepage einen Überblick. „Wir können auch Dokumente und Material liefern für Ausarbeitungen und Facharbeiten“, sagt Hofmann. Zu allen Themen gibt es für Verbände oder Schulen bebilderte Vorträge sowie Führungen in der Stadt oder zu den Gedenkorten. Diese sind leicht verständlich und aufgelockert mit vielfach dokumentierten Fakten wie Fotos, Zeitzeugen-Aussagen, Dokumenten.

Das Angebot der Initiative: Bei Interesse einfach über die Mailadresse melden und das Gewünschte mitteilen. „Wir melden uns dann kurzfristig, um die Anfragen zu klären und Termine auszumachen (aufgrund der derzeitigen Corona-Pandemie ist aktuell nicht absehbar, wann dies wieder beginnen kann).“

Den „Lagerweg“ in den Mainwiesen kann man auch selbständig ablaufen. Die sieben Tafeln informieren über das Schicksal der Zwangsarbeiter. Der Weg endet am Gedenkort für die vielen Zwangsarbeiter zwischen 1940 und 1945. Startpunkt ist an der Uferstraße auf der Höhe des Lager-Gebäudes von ZF-Handel.

Kontakt: zwangsarbeit@web.de

www.initiative-gegen-das-vergessen.de