„Daß nicht ein Ton verloren war …“ – Friedrich Rückert und die Musik

1190
Friedrich Rückert nach einem Gemälde von Bertha Froriep, 1864 / Foto: Andrea Mayer

Friedrich Rückert (1788-1866) zählt neben Johann Wolfgang v. Goethe (1749-1832), Joseph v. Eichendorff (1788-1857), Heinrich Heine (1797-1856) und Eduard Mörike (1804-1875) zu den meistvertonten deutschen Dichtern. Er selbst stand den Vertonungen seiner Verse eher reserviert gegenüber, räumte aber 1837 in einem Brief an den befreundeten Musiker Louis Hetsch (1806-1872) ein, beim Entstehen seiner Gedichte sie „innerlich gesungen” zu haben. Allerdings hielt er sich selbst für unmusikalisch, ein Instrument beherrschte er nicht.

Vor allem bei den Komponisten der Romantik erfreuten sich Rückerts Texte großer Beliebtheit, denn sie behandelten Themen wie sie auch in Volksliedern zu finden sind: Liebe, Abschied, Verlust, Heimat, Natur, die Jahreszeiten. Rund 500 Gedichte Rückerts wurden vertont, insgesamt sind um die 2.000 Vertonungen nachweisbar. Am häufigsten vertont wurde „Ich liebe dich“ aus der Sammlung „Liebesfrühling“ (Erlangen 1834) und „Aus der Jugendzeit“ („Musenalmanach für das Jahr 1831“, Leipzig), das in der Vertonung von Robert Radecke (1830-1911) als „Schwalbenlied“ zum Volkslied wurde.

Einer der ersten Komponisten, der sich den Texten Friedrich Rückerts widmete, war der Wiener Franz Schubert (1797-1828). Er vertonte Gedichte aus Rückerts Sammlung „Östliche Rosen“ (Leipzig 1822). Ebenso wie Schuberts Vertonungen entstanden Robert (1810-1856) und Clara (1819-1896) Schumanns Liedstücke noch zu Lebzeiten des Dichters. Über fünfzig Kompositionen Robert Schumanns sind von Gedichten Rückerts inspiriert. Zu einer persönlichen Begegnung zwischen Rückert und Schumann kam es 1844 in Berlin.

Auch Carl Loewe (1796-1869) vertonte häufig Texte von Rückert. Ihm sind Musikstücke mit einer durchaus heiteren Note zu verdanken, wie z. B. „Hinkende Jamben“, in denen Rückert humorvoll die vermeintlichen Nachteile seiner Liebsten beschrieben hatte: „Ein Liebchen hatt’ ich, das auf einem Aug’ schielte; / Weil sie mir schön schien, schien ihr Schielen auch Schönheit. / […] / Jetzt hab’ ich eines, das auf einem Fuß hinket; / Ja freilich, sprech’ ich, hinkt sie, doch sie hinkt zierlich.“ Loewe setzte dieses kurze Gedicht ebenso humorvoll musikalisch um.

Die heute wohl bekannteste – und persönlichste – Vertonung aus dem dichterischen Werk Rückerts sind seine „Kindertodtenlieder“, die Gustav Mahler (1860-1911) zwischen 1901 und 1904 schrieb. Nach dem Tod seiner beiden Kinder Luise (1830-1833) und Ernst (1829-1834) verarbeitete Rückert seinen Schmerz in über 500 Gedichten. Mahlers Kompositionen spiegeln eindrücklich diese Trauer und Verzweiflung wider, umso mehr vor dem Hintergrund, dass Mahlers Tochter Maria (1902-1907) nur wenige Jahre nach Vollendung der „Kindertodtenlieder“ ebenfalls an Scharlach verstarb.

Gegenwärtig beschäftigen sich auch Musiker in Rückerts Heimat mit den Werken des Dichters: Andreas Arnold (Würzburg) und der Schweinfurter „Mad Bob“ gewinnen mit ihren Vertonungen den Werken Friedrich Rückerts weitere Facetten ab.

Das Theater der Stadt wird mit einer Uraufführung von neuvertonten Rückert-Liedern für Streichquartett und Tenor eine weitere „musikalische Lücke“ schließen – am 23. März 2024 um 19.30 Uhr im Ev. Gemeindehaus. Die Sonderausstellung „Friedrich Rückert und die Musik”, entwickelt von Andrea Mayer (Arbeitsstelle Rückert) und Jan Soldin (Museum Otto Schäfer), wird dort vor dem Konzert um 18.45 Uhr eröffnet – zu sehen ist sie bis 2. Juli jeweils eine Stunde vor Vorstellungsbeginn.

Bereits am Dienstag, 5. März 2024, um 18.30 Uhr findet im Museum Georg Schäfer „Friedrich Rückert im Lied“ statt – ein Vortrag der Musikwissenschaftlerin Dr. Anja Manthey mit Musikbeispielen. Anja Manthey ist seit 1982 als Bratschistin tätig, pflegt eine rege Konzerttätigkeit weltweit, und ist Mitglied der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen.