Unser Juni-Buchtipp: „Monschau” von Steffen Kopetzky

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Diesen Roman hat Johanna Bonengel für das Groschenheft besprochen – er hat ihr sehr gut gefallen. Ihr Fazit: Unbedingt lesen!

1962. Monschau in der Eifel. Pockenepidemie, die ein Monteur auf einer Dienstreise nach Indien in Deutschland einschleppt. Der reale Fall ist der Rahmen. Es gelingt Steffen Kopetzky, spannend, humorvoll und klug eine Geschichte aus der Zeit der westdeutschen Wirtschaftswunderzeit zu erzählen, die unter die Haut geht. Die aktuelle Coronapandemie schwingt im Hintergrund mit, aber nicht aufdringlich, doch kommt der Leserin vieles sehr bekannt vor. Es ist schon alles da, was wir heute erleben: Quarantäne, Impfung, Verschwörungstheorien, Frust, Verleugnung, Unverständnis.

„Es ist das eine, was wir im Augenblick wissen, und was wir noch nicht so genau wissen. Aber es gibt noch eine dritte, dunkle Kategorie: Dinge und Befunde, die plötzlich auftauchen und über uns hereinbrechen. Von denen wir nicht einmal ahnen, dass wir von ihnen wissen müssten.“

Im Roman spricht diese bedrohlichen Worte der Dermatologe Günter Stüttgen, eine reale Figur, die 1962 den Krisenstab gegen die Pockenepidemie in Monschau leitete. Das Infektionsgeschehen vernetzt Steffen Kopetzky mit spannenden, lebensnahen Geschichten. Er baut zudem aus den Verflechtungen einzelner Romanfiguren mit der Nazi-Vergangenheit eine mitreißende Story. Die Übergänge zwischen fiktivem Romangeschehen und sauber recherchierten historischen Ereignissen und realen Personen gelingen Kopetzky glänzend. Johannes Mario Simmel taucht auf, der als Journalist der „Quick“ über die Pockenseuche recherchiert. Aber er hat auch den Direktor der örtlichen Rither-Werke, wo Spezialöfen für die weltweite Kundschaft hergestellt werden, im Blick. Denn der Quick-Journalist besitzt belastendes Material aus der Nazi-Zeit. Seuss, der Chef der Fabrik, verkörpert die Wirtschaftsinteressen, die er gegen Gesundheitsschutz partout durchsetzen will. Produktion contra Pocken und Quarantäne!

Kopetzky kann hervorragend alle Romanfiguren zum Leben erwecken, wie die Erbin der Rither-Werke, Vera Rither, die in Paris Journalistik studiert, coolen Jazz hört, von Sartre und Beauvoir begeistert ist. Oder den jungen griechischen Arzt Nikos Spyridakis, der zwischen zwei Kulturwelten steht.  Es entfaltet sich eine warme Liebesgeschichte.

Steffen Kopetzky spielt souverän mit vielen Einfällen, die er einfallsreich miteinander verbindet. Die rheinisch-katholische Karnevalslust der Menschen wird greifbar; sie wollen feiern, obwohl es in der Pandemiezeit streng verboten ist. Der Zeitgeist der Adenauer-Ära wird in vielen Facetten deutlich gemacht: die ersten Gastarbeiter, Hamburger Flutkatastrophe, Algerienkrieg, Kubakrise, Joseph Beuys oder die Fernsehkrimiserie „Das Halstuch“.

Kopetzky ist ein hervorragender Erzähler von Geschichte und Erfinder von Geschichten! Und süffig-unangestrengt schreiben, ja, das kann er auch. Der Roman hat etwas von Kolportage. Aber wir erkennen, dass dies keinesfalls „trivial sein muss, sondern zu einem ganz besonders wunderbaren Roman führt.“ (Alexander Wasner, Süddeutsche Zeitung vom 1.4.2021)

Steffen Kopetzky, geboren 1971 in Pfaffenhofen, wo er mit seiner Familie auch heute lebt, ist Autor von Romanen, Erzählungen, Hörspielen und Theaterstücken. Sein Roman „Risiko“ (2015) stand monatelang auf der „Spiegel“-Bestsellerliste und war für den Deutschen Buchpreis nominiert, der „Spiegel“-Bestseller „Propaganda“ (2019) für den Bayerischen Buchpreis. Von 2002 bis 2008 war Kopetzky künstlerischer Leiter der Theater-Biennale Bonn.

Monschau. Roman von Steffen Kopetzky. Rowohlt-Verlag, Berlin 2021. 22 €.