Unsere Sommer-Buchtipps: „Wenn es dunkel wird“. Erzählungen

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Johanna Bonengel hat diesen Erzählband vom Peter Stamm (S. Fischer Verlag, 2020) gelesen und empfiehlt ihn allen Groschenheft-Leserinnen und -Lesern. Ein wunderbares, ein feines Buch!

Obwohl der Titel des Bandes nicht besonders sommerfreundlich klingt und der melan­cho­lische Erzählsound nicht auf ein Corona-Hinaus einstimmt, bringen die 11 Erzählungen Licht in ein Dunkel, von dem der Autor in mehreren Varianten erzählt. Randgestalten der Gesellschaft wandeln zwischen Realität und Imagination, zwischen Eigen- und Außenwahrnehmung. Fast immer kippt die Realität ganz unmerklich in eine parallele, in sich aber genauso glaubwürdig erscheinende Welt, und es öffnet sich eine unheimliche Grundstimmung. Eine „schwarze Romantik des Alltags“ öffnet sich, die an E.T.A. Hoffmann denken lässt. Zwei Beispiele:

In der Titelgeschichte „Wenn es dunkel wird“ steigt eine Polizistin, die sich freiwillig auf einen einsamen Posten in einem abgelegenen Tal versetzen lässt, alleine auf eine Alp im Schweizer Karst. Wanderer hatten gemeldet, dass sich dort oben in einer Hütte angeblich eine Frau mit zwei kleinen Kindern aufhalte. Die Leserin, der Leser erfährt, dass die Polizistin in eben dieser Hütte als Kind gemeinsam mit ihren Eltern ihre Sommer verbracht hat und dass ihr Bruder dort oben eines Tages verschwunden ist. Peter Stamm verschmilzt gegenwärtiges Erleben und Erinnerung. Es entstehen beunruhigende, irritierende Bilder. Und das ganz unspektakulär und zurückhaltend erzählt, sprachlich wunderbar klar und schnörkellos.

Zweites Beispiel für das Kippen der Wirklichkeit: Im Mittelpunkt der Erzählung „Supermond“ steht ein Mann, der in seiner Firma handschriftliche Listen für die Überprüfung von Flugzeugteilen führt und im Wissen um seine Überflüssigkeit nur noch auf die Pensionierung wartet. Dieses Grundgefühl schwappt über auf sein Privatleben: Ich weiß nicht, wie spät es ist, als Hedwig nach Hause kommt. Sie sieht müde aus. Auch sie scheint mich nicht zu sehen. Ich will beiseite rücken, um sie durchzulassen, aber sie geht einfach durch mich hindurch.“ Er ist überwältigt von der Wahrnehmung seiner Selbstauflösung und ist fasziniert vom durchs Fenster leuchtenden Mond: „Ich steige ganz langsam in die Höhe, sehe unser Haus kleiner werden. Ich steige.“

Stamm Peter

Diese 11 Geschichten von Peter Stamm empfiehlt Johanna Bonengel, gerade weil sie aus leicht unheimlicher Perspektive unsere von großem Schwindel ergriffene Gegenwart beeindruckend erzählt.

Peter Stamm, Schweizer, geboren 1963, studierte nach einer kaufmännischen Lehre Anglistik, Psychologie und Psychopathologie, lebt und arbeitet heute als freier Schriftsteller in Winterthur. Seit seinem Romandebüt „Agnes“ 1998 erschienen sechs weitere Romane, fünf Erzählungssammlungen und ein Band mit Theaterstücken. Unter dem Titel „Die Vertreibung aus dem Paradies“ erschienen seine Bamberger Poetikvorlesungen. Peter Stamm erhielt schon zahlreiche Buchpreise.

 

Hier noch zwei Buchtipps für diejenigen, die im Liegestuhl und mit einem Apérol bei feiner und überzeugender Lektüre bleiben wollen. „Vom Aufstehen. Ein Leben in Geschichten“ ist der Titel von Helga Schuberts Lebensroman (dtv. München 2021). Die Autorin erzählt lakonisch in kurzen Episoden DDR-Geschichte und ihre eigene Geschichte. Wut, Enttäuschung, Sehnsucht, Verliebtsein, Frustration. Ein ehrliches, anrührendes Buch.

Mitten in den Sommer passen zwei kleine, weltberühmte Liebesromane von Kurt Tucholsky: „Rheinsberg“ (1912) und „Schloss Gripsholm“ (1931). Fast 100 Jahre alt, haben sie nichts von ihrem Charme verloren. Alles bleibt wunderbar leicht und ein bisschen märchenhaft, mit großer Lebensfreude.