Johanna Bonengels Buchtipp: „Besichtigung eines Unglücks”

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Eindringliches und spannendes Netzwerk aus Fakten und Fiktion

Im Juli 2021 erschien der Roman „Besichtigung eines Unglücks“ von Gert Loschütz. Schon der Vorgängerroman „Ein schönes Paar“ hatte mich fasziniert, in dem er die Geschichte der Eltern erzählt, die 1957 mit ihrem elfjährigen Sohn aus der DDR in den Westen flüchteten. Autobiografische und zeitatmosphärische Fakten bilden eine kunstvolle Symbiose mit fiktionalen Elementen. Im neuen Roman begeht Loschütz wieder diesen Weg. Er beschäftigt sich intensiv mit dem schwersten Zugunglück, das sich jemals auf deutschem Boden ereignet hat – am 22. Dezember 1939 kurz vor der Einfahrt in den Bahnhof von Genthin (Sachsen-Anhalt). Ein D-Zug, der aus Berlin kommt und mit Reisenden bis auf den letzten Platz und auch in den Gängen besetzt ist, fährt mit höchster Geschwindigkeit auf einen anderen Personenzug, der kurz vor dem Bahnhof von Genthin steht. Mindestens 186 Menschen kommen bei dem Unfall ums Leben. Wie es zu dieser Katastrophe in der eiskalten Winternacht kommen konnte, das recherchiert Loschütz in seinem neuen Roman. „Vier Sekunden“, so lautet die Überschrift des ersten Kapitels. Gemeint sind die vier Sekunden, die entschieden haben, dass es zu dieser Katastrophe kam. Die Überschriften der nächsten vier Kapitel machen aber deutlich, dass es Loschütz auch um Schicksale von Menschen geht: Carla und Richard, Das Violinfräulein, Carla. Alle stehen mit dem Unglück in Verbindung.

Loschütz durchforschte Unmengen von Akten und ging akribisch Schicksalen nach. Eine minutiöse Recherche und Rekonstruktion von Fakten und ein eindringliches Eintauchen in menschliche Lebensgeschichten, das sind die Besonderheiten von Loschütz‘ Roman. Fakt und Fiktion werden auf kunstvolle Weise verschränkt. Der Ich-Erzähler Thomas Vandersee, Journalist, stellt die Recherchen über das Unglück an und stößt dabei auf Verbindungen zu sich selbst. Wenn man die Biografie von Gert Loschütz studiert, erkennt man viele Parallelen zu dem Ich-Erzähler des Romans. Und dabei geht es nicht nur darum, dass Loschütz auch in Genthin geboren wurde. Es ist faszinierend zu lesen, wie Loschütz den Leser durch die Recherche führt, wie er den Blick des Lesers auf das Detail bannt, Zusammenhänge und Bilderwelten öffnet: „Ich erinnere mich an solche Tage. Die Häuser ducken sich unter der Kälte, ein dünner Rauchfaden steigt aus dem Schornstein. Die Kähne sind weniger am Ufer vertäut als daran fest gefroren. In den Stuben brennt von morgens bis abends Licht, vor den unteren Fensterdritteln hängen Wolldecken gegen den Luftzug. Tagelang steht der Essensgeruch in der Wohnung, nistet sich in den Haaren ein, im Pullover.“ (S. 28)

Die eigentliche Ursache des Unglücks und die Schuldfrage können trotz aller Detailversessenheit nicht aufgehellt werden. Im Laufe des Romans treten immer mehr die persönlichen Schicksale der Menschen, die Opfer des Zugunglücks waren, in den Vordergrund, zum Beispiel die Genthiner Ärztegattin Hedwig Vorbeck, die über den aufopfernden Einsatz bei der Erstversorgung der Verwundeten den Verstand verloren zu haben schien. Ein anderes Beispiel: Loschütz erzählt sehr behutsam die Geschichte einer jungen Frau, Lisa Vandersee, die im Genthiner Kaufhaus Magnus als Lehrmädchen arbeitete und einer anderen jungen Frau Kleidungsstücke ins Krankhaus liefern sollte. Lisa überbringt am 10. Januar 1940 ein Bekleidungspaket an Carla Finck, deren Kleidungsstücke beim Zugunglück völlig zerstört wurden. Mit Carla öffnet sich eine weitere Dimension des Romans: Carla ist Jüdin, ihr Vater hat Deutschland schon verlassen, sie hat einen jüdischen Verlobten, sie reiste mit einem älteren Italiener, den sie als ihren Ehemann ausgibt, um der Deportation zu entkommen. Das ruft die Gestapo auf den Plan. Der Verlobte wird im KZ ermordet. Die Liebes- und Unglücksgeschichte wird erweitert durch die Lebensgeschichte der Mutter des Ich-Erzählers, die in das ausgebombte Berlin und die DDR führt. Der Erzählanlass, das Eisenbahnunglück, tritt im Geschehen immer mehr zurück. Eine unfreiwillige Vatersuche des Ich-Erzählers oder ein Papier in einem musikalischen Notenbuch im Zusammenhang mit dem jüdischen Verlobten Carlas dominieren die Geschichte.

Loschütz irritiert seine Leserin, seine Leser und macht es ihnen wahrlich nicht einfach. Die rekonstruierten Lebensgeschichten in ihren Ungereimtheiten, ihren Wider­sprüch­lichkeiten und ihrem Eingezwängstein in die düsteren Kriegsjahre halten den Leser aber in großer Spannung. Die wahren und fiktiven Umstände und Personen sind perfekt miteinander verwoben. Die Geschichten scheinen sich der Wahrheit anzunähern, stellen aber auch das, was als Wahrheit angenommen wird, in Frage. Die Kombination von sprödem, sparsamem Erzählton mit mitunter poetischer Sprache, das macht das Besondere des Erzählduktus aus.

Gert Loschütz ist ein großartiger Erzähler, der einen konzentrierten Leser fordert. Zu Recht charakterisiert ihn Markus Clauer als einen „stillen Virtuosen der Erzählkunst“ (Die Zeit, 14.10.2021). Loschütz‘ Lebensstationen: Geboren 1946 in Genthin, 1957 Übersiedlung von der DDR in die Bundesrepublik, Arbeit als Schiffsjunge, Abitur, Studium der Geschichte, Soziologie und Publizistik, Kontakte zur Gruppe 47, freier Schriftsteller: Erzählungen, Romane, Gedichte, Hörspiele, Theaterstücke und Filmdrehbücher. Heute lebt er mit seiner Familie in Berlin. Vielfache Auszeichnungen und Nominierungen für den Deutschen Buchpreis machen deutlich, welch außergewöhnlicher Schriftsteller Gert Loschütz ist. Große Leseempfehlung!

Besichtigung eines Unglücks. Roman. Verlag Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2021, 334 Seiten, 24 €.