Johanna Bonengels Buchtipp: „Romeo und Julia in Vigata“ (GH JuliAugust 2022)

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Jede Geschichte ist ein Kleinod

Andrea Camilleris Geschichtenbuch mit dem Titel „Romeo und Julia in Vigata“ ist schon 2015 erschienen, aber sie gehören zu den unterhaltsamsten, tiefgründigsten und humorvollsten Erzählungen, die ich kenne. Sie passen zum Sommer!

Autor Andrea Camilleri

Andrea Camilleri, der leider schon 2019 gestorben ist, hat einen festen Platz in der literarischen Krimiszene mit seinem Commissario Montalbano. Handlungsort: Sizilien. Camilleri kann den Menschen in die Seele schauen, kennt ihre Nöte, ist ein messerscharfer Analyst und schelmischer Kritiker der Gesellschaft. Alle acht Geschichten spielen in Sizilien, im fiktiven Ort Vigata auf den piazze und in den palazzi, Dörfern und Bauernhöfen, Feldern und Gärten, Hügeln und Stränden. Camilleri sucht nach den Wurzeln Siziliens, sie findet er besonders treffend in der antiken Mythologie, bei Shakespeare und in der Zeit um 1900.

Wir, die Leserinnen und Leser, begleiten Camilleris Figuren gern, amüsiert und aufmerksam, weil wir erkennen, dass sie nicht nur Sizilianer sind, sondern Menschen wie du und ich. Jede einzelne Geschichte ist ein Kleinod. Da gibt es Maskenbälle mit heiß auflodernden Leidenschaften, Herzeleid und saftigen Prügeleien. Da erzählt Camilleri raffinierte Possen um Naivität, um Hoch- und Tiefstapelei, um gewissenlose Gaunereien, um liebreizende Frauen und eine sich selbst entlarvende Männerwelt. Köstlich die Geschichte von den beiden Eisverkäufern in „Die Duellanten“, die nach Jahren erbitterter Rivalität zu einem weisen Friedensschluss finden.

Ich bin überzeugt, dass die geneigten Leserinnen und Leser alle Trübsal hinter sich lassen, wenn sie in die Geschichten von Camilleri eintauchen. Das ist wahre Leselust.

„Romeo und Julia in Vigata“ von Andrea Camilleri, Verlag Nagel & Kimche, München 2015 (Aus dem Italienischen von Annette Kopetzky)