„Theater braucht Vielfalt und Mut zum Experiment“ – Nachruf

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Bernd Lemmerich. Foto Philipp Lemmerich

Nach fünf Jahrzehnten auf den Bühnen der Region ist Regisseur Bernd Lemmerich im Alter von 81 Jahren verstorben.

Ein in Blankversen daher stolzierender Text, noch dazu als Komödie – das war Bernd Lemmerichs Sache nicht. Und so musste er einige Zeit und Formulierungsarbeit in Heinrich von Kleists „Zerbrochenen Krug“ investieren, bis er eine Version in der Hand hielt, die ihn zufriedenstellte.

Im vergangenen Juli führte das „Theater an der Disharmonie“ das Stück unter freiem Himmel in der Burgruine Trimburg Elfershausen und im Barockschloss Zeilitzheim auf. Es wurde eine liebevolle Komödie, die nicht im reichen Holland der Spätromantik, sondern im Unterfranken der Gegenwart spielt. Mit einem Dorfrichter Adam, der zwar ein Schuft ist, aber ein so rührender, dass er das Mitleid der Zuschauer auf seiner Seite hat. Während der schneidige Gerichtsschreiber Licht, der statt mit Akten schon mit Laptop arbeitet, am Ende mit leeren Händen dasteht.

„Vielleicht mehr Lemmerich als Kleist“, sagte Bernd Lemmerich nach der Aufführung mit einem Augenzwinkern. Es sollte seine letzte Inszenierung bleiben.

Bernd Lemmerich, Jahrgang 1941, begann seine Theaterkarriere in seiner Funktion als Studiendirektor am Celtis-Gymnasium. Seine Kollegin Lieselotte Stammeier, die das Schülertheater leitete, suchte einen Mitstreiter. 1972 kam es zur ersten gemeinsamen Aufführung. Nach Stammeiers Pensionierung übernahm Lemmerich die Theatergruppe am Celtis-Gymnasium ganz und leitete sie 30 Jahre lang bis kurz vor seiner Pensionierung. In unermüdlichem Eifer studierte er neue Inszenierungen mit seinen Schülerinnen und Schülern ein, brachte etliche Schauspieltalente hervor und füllte die Säle der Region. Ein Engagement, das ihn auch über Unterfranken hinaus bekannt machte und Gastspiele sogar im europäischen Ausland ermöglichte.

Vielen Schweinfurtern wird aus dieser Zeit der Festakt zur 1200-Jahrfeier in Erinnerung geblie-ben sein, den Lemmerich mit seinen Schülern groß auf dem Marktplatz inszenierte – ein Ritt durch mehrere Jahrhunderte Schweinfurter Stadtgeschichte, Fliegeralarm inklusive.

Anfang der 2000er suchte Lemmerich in der Kulturwerkstatt Disharmonie eine neue Herausforderung. Von nun an brachte er den Baustein „Theater an der Disharmonie“ in das Konzept der Kleinkunstbühne ein.

Seine ersten Inszenierungen hatten es in sich: Die „Kassandra“ von Christa Wolf, eigens adaptiert als Monolog mit Christine Hadulla – ein Stück über eine Frau im Patriarchat, die sich mehr und mehr von ihrer eigenen Herkunft emanzipiert und sehenden Auges dem Untergang entgegen geht. Und „Barfuß Nackt Herz in der Hand“, der „Monolog eines Gastarbeiters“ mit Peter Hub, der auf erschütternde Weise die rassistischen Brandanschläge von Solingen 1993 rekonstruierte.

In den Folgejahren entwickelte Lemmerich die Theaterarbeit an der Disharmonie fortlaufend weiter. Unvergessen sind seine Inszenierungen hinter der Disharmonie am Ufer des Mains: Komödien wie Shakespeare’s „Wie es euch gefällt“, „Arsen und Spitzenhäubchen“ (Joseph Kesselring) oder das Lustspiel „Leonce und Lena“ von Georg Büchner.

Zeitgenössische und gesellschaftskritische Inszenierungen gehörten genauso zu seinem Repertoire: In Ariel Dorfmans „Der Tod und das Mädchen“ (Peter Hub, Engin Secgin und Magdalena Kern in den Hauptrollen) beschäftigte sich Lemmerich mit der chilenischen Militärdiktatur unter Augusto Pinochet. Und Büchners „Woyzeck“ brachte er mit sehenswerter Dringlichkeit auf die Bühne der Disharmonie.

Aus den jüngeren Inszenierungen von Bernd Lemmerich bleiben vor allem zwei in Erinnerung: 2014 funktionierte er den ehemaligen Hochbunker am Spitalseeplatz zu einem multimedialen Erfahrungsraum um. Fotoausstellung, Videoinstallation und Musik waren Begleitprogramm für das Stück „Sarajevo Goodbye“, einer eindringlichen Geschichte zweier sich Liebender im Bombenhagel von Sarajevo 1994.

2017 inszenierte Lemmerich dann die „Verteidigungsrede des Judas Ischariot“ von Walter Jens mit dem mittlerweile verstorbenen Stefan Busch in der Hauptrolle. Ein provokantes Stück, das die Klaviatur der existenziellen Fragen, die sich in der Figur des Judas widerspiegeln, perfekt bediente. Mit der Johanniskirche hatte Lemmerich auch für dieses Stück einen besonderen Ort zur Theaterbühne umfunktioniert.

Seit dem Beginn der Corona-Pandemie arbeitete Bernd Lemmerich mit großer Genauigkeit an einer Adaption der „Antrittsrede der amerikanischen Päpstin“ von Esthar Vilar mit Karina Schiewitz in der Hauptrolle. Die Protagonistin hält ihre Antrittsrede als demokratisch gewählte Päpstin, die live im Fernsehen übertragen wird. Eine Parabel auf den Niedergang der katholischen Kirche und die Überforderung des Menschen im Angesicht seiner radikalen Freiheit. Die Inszenierung blieb unvollendet. Aufführungen waren für das kommende Jahr geplant.

In der Kulturwerkstatt Disharmonie engagierte sich Bernd Lemmerich seit 2007 auch im Vorstand. Bei einer Altersspanne im Vorstand von Mitte dreißig bis 81 Jahren war er derjenige, der manchmal die frischesten und unkonventionellsten Ideen hatte und diese auch vehement vertreten konnte. Seinen großen Wunsch auch den Generationswechsel in der Disharmonie mitzugestalten und die Theaterarbeit zu sichern, konnte er nicht mehr umsetzen.

Bernd Lemmerich war in der Region für seinen inszenatorischen Mut bekannt. Mittels Theater versuchte er Welten zu schaffen, die nicht nur das eigene Denken bestätigen, sondern kritisch zum Nachdenken anregen. In fünf Jahrzehnten als Regisseur hat er etwa 70 Inszenierungen auf die Bühne gebracht und unzählige Schauspielerinnen und Schauspieler auf ihrem Lebensweg geprägt. Bis zuletzt war er voller Ideen für neue Projekte.

Ende September 2022 ist Bernd Lemmerich an einer Covid19-Infektion gestorben. Mit ihm hat die Region einen passionierten Theatermacher verloren, der das kulturelle Leben in Schweinfurt und Umgebung über Jahrzehnte maßgeblich mitgestaltet hat.