Johanna Bonengels Buchtipp: „Sibir“ von Sabrina Janesch

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Sabrina Janesch - Foto: Johanna Bonengel

Nirgends zu Hause sein. Ein erschütternder Roman über das Erinnern.

Am Poetenfest in Erlangen, das jedes Jahr Ende August stattfindet, machte ich eine besondere literarische Entdeckung: Sabrina Janesch mit ihrem Roman „Sibir“. Ich kannte die deutsch-polnische Schriftstellerin, geboren 1985 in Gifhorn, jetzt in Münster zu Hause, nicht, obwohl sie sich in der literarischen Szene bereits einen anerkannten Platz erobert und etliche Preise gewonnen hat.

In ihren autofiktionalen Romanen spiegelt sich die deutsch-polnische Abstammung der Autorin wider. Sie erzählt ihre eigene Familiengeschichte. Mit ihrem neuen Werk überzeugte sie mich. Ihre Gedanken kreisen um die polnische Mutter, um Großvater und Vater, die aus der Sowjetunion nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs nach Kasachstan verschleppt wurden. Sabrina Janesch sucht und gräbt in der Vergangenheit, und sie findet dabei eine subtile Sprache und eine durchdachte Struktur. Sie zeigt uns, wie man Geschichte erzählen kann, und sie nimmt uns mit in die dunklen Tiefen einer Familie, in eine wundersame, mythenreiche Welt und in das „Gefühl der Unbehaustheit“.

Leila, die Erzählerin in „Sibir“, ein Spiegel für die Autorin, will mit ihrem Vater Josef Ambacher den Wald der Erinnerung lichten. Er wurde mit seiner Familie als zehnjähriges Kind aus dem sogenannten Warthegau, das im Krieg Besatzungsgebiet der Deutschen war und danach wieder zu Polen gehörte, kurz nach Kriegsende im Güterwagen nach Sibirien verschleppt. Die Sowjets brauchten sie als Arbeitskräfte: „Natürlich habe er damals, als Kind, kaum die Ungeheuerlichkeit der Lage erfassen können: dass es sich bei ihnen, den Deutschen, für alle anderen zwangsläufig um Faschisten handeln musste, ehemals blutrünstiges, nun aber auf den Hund gekommenes Gesindel, das gerädert, gevierteilt, gestraft werden sollte für das, was Hitler über die Welt gebracht hatte.“ Beim Lesen sind die Kälte der Verbannung, das elende Leben in der menschenleeren kasachischen Steppe, der Kampf ums Überleben sehr nahe. „Das lange Ohr der Steppe: Das waren die Gerüchte, die Erzählungen und die Geschichten, die hier schneller die Runde machten als sonst irgendwo. Sie flogen, so schien es, mit dem Wind, dem sich nichts entgegenstellte.“

Nach Deutschland kommt die Familie von Josef Ambacher 40 Jahre später als Aussiedler in eine von Adenauer und Chruschtschow ausgehandelte „Heimkehr der Zehntausend“. Sie landet im fiktiven Ort Mühlheide in Niedersachsen. Auch hier versinken sie fast in dem dichten Gefühl des Fremdseins – kommend von Sibirien, nicht richtig ankommend in der Bundesrepublik. „Am östlichen Stadtrand wohnten beinahe ausschließlich Menschen […], die nicht lange an ein und demselben Ort sitzen konnten, unter Schlafstörungen litten oder Angst hatten vor Stimmengewirr, der Stille, der Erinnerung, Zügen, Kellern und dem Winter. […] Die dunkle Jahreszeit erzwang eine Einkehr, der niemand gewachsen war.“

Josef erzählt seiner Tochter Leila von der Vergangenheit in Sibirien, und Sabrina Janesch erzählt abwechselnd vom Aufwachsen in Niedersachsen und in Sibirien. Gekonnt vermischt sie die beiden Erzählebenen, verbunden mit den verschiedenen Sprachen, in denen das Kind Josef aufwächst. Immer wird deutlich, dass das Gefühl, nirgends zu Hause zu sein, alles andere dominiert. Janesch macht Farben, Geräusche, Kälte fühlbar. Auch „märchenhafte“ und „unheimliche“ Szenen prägen die dichte Erzählweise der Autorin.  „Sibir“, das Wort für den Inbegriff des Schreckens, ist ein hinreißender Roman über die Bedeutung der Erinnerung. Unbedingt lesen!

Sabrina Janesch: Sibir. Roman. Rowohlt-Verlag, Berlin 2023. 350 Seiten, 24 €.