Buchvorstellung: „Der Unterton”, Interview mit Autor Thomas Niedzwetzki

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Thomas Niedzwetzki. Foto: Kristina Becker

Der vielschichtige Sound einer Wende-Generation

November, Zeit des Mauerfalls, alle Jahre wieder ein Gedenktag, aber was ist von dem Vibe der späten 1980er noch zu spüren? Wohin ist die ganze Energie verpufft, die Aufbruchstimmung, die Hoffnung, fragen wir uns angesichts der Reden, die vielerorts geschwungen werden. Und was ist daran immer noch „neu“? So neu wie damals der legendäre Auftritt von Bruce Springsteen in der DDR, der sich diesen Sommer zum 35. Mal gejährt hat …

Was viele heute nur noch aus grauer Vorzeit, dem Geschichtsunterricht oder aus den Medien kennen, erlebte Thomas Niedzwetzki als Student vor Ort aus der Mitte der DDR-Gesellschaft heraus. Sein literarisches Zeitzeugnis erklingt mit viel musikalischer Sprache und Dynamik und lässt Geschichte lebendig werden. „Der Unterton“ zeigt die Mikroperspektive der Vorwendezeit im Norden der Deutschen Demokratischen Republik, abseits der großen Protestwelle und der urbanen Zentren des Aufbruchs.

Coming of Age im Wendechaos: Willkommen im Vibe der späten 1980er! Vieles scheint möglich: Schein und Sein, Täuschung und Selbsttäuschung, jeder Umbruch bekanntlich auch ein Abschied. Der Schlagzeuger Jo ist vor allem ein ganz normaler Teenager: viel Musik, das Gefühlschaos einer unglücklichen Liebe, dann der Wehrdienst. Und plötzlich kommt die US-amerikanische Umweltaktivistin Deborah hinter dem Eisernen Vorhang hervor und tritt in sein Leben. Jos Weltbild gerät vollends ins Wanken. Auch seine Freundschaft zum hilfsbereiten Ben, unentbehrlich seit der inneren Zerreißprobe bei der Nationalen Volksarmee und mit ihm in die Großstadt zum Studium gezogen, droht in einem Fiasko zu enden …

Die Musik fungiert als Sprachrohr für eine Gesellschaft im Umbruch: wandlungsfähig und dynamisch innerhalb von gesetzten Grenzen. Musik verbindet und trennt, schafft Zwischentöne und Nischen in einer komplexen Welt. Sprachlich wie ein Klangexperiment der 1980er hinter dem Eisernen Vorhang: authentisch, mitreißende Zeitgeschichte, voller Spannung und Rhythmus – aus Sicht des gefühlvollen und zunehmend wachsamen, reifenden Musikers – rekonstruiert dieser Entwicklungsroman den Vibe einer in der DDR sozialisierten Generation. So werden Zusammenhänge und soziale Gefüge erhellt, die bis heute nachklingen.

Das Portrait einer bis dahin scheinbar unpolitischen Generation kurz vor der Wende, mit vielen Wahrheiten und noch mehr Fragen. Jung und frech, tiefgründig und komplex wie die wagemutigen Persönlichkeiten, die sich dahinter verbergen.

Thomas Niedzwetzki (*1966), ist promovierter Ingenieur, Unternehmer und Musiker. Im Hinterland Mecklenburg-Vorpommerns aufgewachsen, lebt er seit über 30 Jahren in Rostock.
Er ist Vater von drei Kindern und steht seit den achtziger Jahren auf der Bühne.

Mehr Infos zum Roman: www.der-unterton.de

Hier geht es zum Soundtrack: https://www.der-unterton.de/tonspuren

„Der Unterton”, Grünberg Verlag Weimar & Rostock, ET November 2023, 351 Seiten, 24.80 €, ISBN 978-3-933713-70-4.

Interview: Thomas Niedzwetzki zu „Der Unterton“

Dass Sie vielseitig interessiert sind, zeigt sich schon allein durch die Tatsache, dass Sie sowohl als Musiker als auch als Ingenieur tätig sind, aber wie kamen sie zum Schreiben? Was hat Sie als Ingenieur und Unternehmer bewogen, sich einem literarischen Projekt zu widmen?

Es ist wohl eher die musische, kreative Seite an mir, die mich bewogen hat, als Autor tätig zu werden. Auslöser für diesen Roman waren meine Kinder und ein aus meiner Sicht unvollständiges Geschichtsbild, das in der Schule über die DDR gelehrt wird. Die DDR als „Unrechtsstaat“ zu betrachten ist sicher nicht falsch, mir aber viel zu einseitig. Damit unterschlagen wir Millionen von Biografien, die letztlich an eine gute Sache glaubten.

Als Student haben Sie als Zeitzeuge die Wende miterlebt. Inwiefern ist diese Erfahrung in „Der Unterton“ mit eingeflossen?

Es war mir wichtig, etwas von der Verunsicherung einzufangen, die im Sommer 1989 herrschte. Niemand kann von sich behaupten, zu diesem Zeitpunkt schon gewusst zu haben, wohin die Reise geht. Der Wendeherbst mit den Demonstrationen und dem Fall der Mauer war nur die Folge dessen, was schon Monate zuvor begann. Die eigentliche Wende in den Köpfen vieler Menschen manifestierte sich ja bereits im Sommer.

Wie gestaltete sich die Recherche zum Buch?

Recherchieren musste ich all jene Dinge, die mit der Untersuchungshaft der Staatssicherheit in Zusammenhang stehen. Bei dem Leiter des Stasi-Unterlagen-Archivs Rostock und der Gedenkstätte für die Opfer der Staatssicherheit, Dr. Volker Höffer, bin ich dafür offene Türen eingerannt.

„Der Unterton“ ist ein musikalischer Titel, der zudem an einen deutschen Klassiker von Heinrich Mann („Der Untertan“, 1914) erinnert. Wie ist der Titel Ihres Buches zu verstehen?

Die phonetische Nähe des Romantitels zum „Untertan“ ist rein zufällig. Diederich Heßling und Josef Torowski haben auch nichts gemein. Möglicherweise den Umstand, beide typische Protagonisten ihrer Zeit kurz vor einem gesellschaftlichen Umbruch zu sein. Was die Musik anbetrifft, zieht diese sich als verbindendes Element durch den Roman. Gemeint ist neben der Musik aber auch der Unterton in der DDR-Gesellschaft, indem man Dinge zum Ausdruck brachte, ohne sie direkt anzusprechen. Eine Art Geheimsprache, die von der Obrigkeit nicht verstanden wurde.

Wenn Sie Ihren Roman einem Musikgenre zuordnen müssten, welches wäre es?

Eindeutig Rock `n Roll.

Ihr Roman spielt im Zeitraum um 1988/89, aber die Ereignisse erscheinen doch erschreckend „fern“. Fehlen Ihnen in der heutigen Gesellschaft manchmal die Unter- und Zwischentöne?

Nein, sie fehlen nicht. Sie sind auch heute da, immer. Man muss nur genau hinhören.

Wie viel Wahrheit und eigene Erfahrung stecken hinter den Erlebnissen von Jo und Ben? Wie real ist diese Zwickmühle, in der sie sich befinden? Ist Ihre eigene Wehrdienstzeit bei der NVA beispielsweise mit den Erfahrungen Ihres Protagonisten vergleichbar?

Der Jo hat schon eine Menge von mir. Der tickt ein bisschen wie ich und das Schöne am Autorendasein ist ja, dass ich dem auch noch Dinge mitgeben konnte von Menschen, die mir nahe waren und sind. Jene Momente, die mir autobiografisch am nächsten kommen, spielen tatsächlich in Jos Armeezeit. In den dort beschriebenen Zwickmühlen befand ich mich einst selbst.

Von Deutschlands Wandel im Zuge des Mauerfalls und dem Zusammenwachsen von Ost und West wird oft als bahnbrechendes Weltereignis gesprochen, wenn es um den Weltfrieden geht. Ist das zu naiv?

Es kommt auf die Perspektive an: Das Ende des kalten Krieges herbeigeführt zu haben, war mithin eine Leistung, die zu mehreren Dekaden friedlichen Miteinanders in Europa geführt hat. Wenn Sie jedoch Deutschlands Wandel und das Zusammenwachsen von Ost und West aus ostdeutscher Sicht betrachten, kann es Ihnen passieren, dass Sie hierzulande mit Unverständnis konfrontiert werden, es zum Beispiel bei der Frage, warum es über 30 Jahre nach der Wende noch Unterschiede in der Entlohnung zwischen Ost und West gibt. Das ist ein bisschen wie mit Gorbatschow: auf der ganzen Welt verehrt, gilt er in Russland als Verräter.

Ihr ganzes Buch ist von Musik durchdrungen. Wie bewerten Sie die Schnittstelle zwischen Musik und politischer Wende bzw. Veränderungen im Allgemeinen? Sind Musiker die besseren Diplomaten?

Ob Udo Lindenberg oder Bruce Springsteen: wer als Musiker populär ist, muss sich um seine politische Verantwortung gegenüber der jungen Generation Gedanken machen. Nicht wenige sind der Meinung, Bruce Springsteen habe den ersten Stein aus der Berliner Mauer gezogen. Wenn man ihn heute mit Barack Obama philosophieren sieht, möchte man meinen, ja, ganz bewusst. Aber war es vielleicht nicht doch einfach nur Rock `n Roll?

Was können Politik, Wirtschaft und Gesellschaft tun, damit Ost und West noch besser und nachhaltiger vereint werden? Wo sehen Sie sich in diesem Zusammenhang als Autor?

Die Chance, 1990 etwas Neues in Deutschland entstehen zu lassen, verstrich ungenutzt. Auch wenn es Gründe dafür gibt. Deshalb stand man vor der Mammutaufgabe, 16 Millionen DDR-Bürger in ein bestehendes Werte-System zu integrieren. Das entspricht in etwa unserer heutigen gesellschaftlichen Herausforderung mal 16. Doch die Sozialisierung der typisch ostdeutschen Biografien in der DDR, wie ich sie in meinem Roman beschrieben habe, wirkt noch bis heute nach. Deshalb muss man die historisch gewachsenen Befindlichkeiten erklären, um sie zu verstehen. Darin sehe ich auch ein bisschen meine Aufgabe als Autor.