Johanna Bonengels Buchtipp: Das Werk von Franz Kafka

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Erstausgabe „Die Verwandlung“. Kurt-Wolff-Verlag, Leipzig, 1916. Illustration von Ottomar Starke. F: privat

Noch 100 Jahre nach seinem Tod: ein radikal moderner Autor

Vor 100 Jahren ist Franz Kafka gestorben. Er wurde nur 40 Jahre alt. Seine wichtigsten Romane blieben unvollendet, trotzdem gilt er als der wirkungsmächtigste moderne Autor überhaupt. Es lohnt, sich in jeder Phase des Lebens mit dem Werk Kafkas zu beschäftigen; denn – gleichgültig wie alt man ist – man findet sich wieder; er ist immer nahe. Beim Lesen der Banalität des Bösen wird einem irgendwie schwindelig.

Kafkas Werk und sein Name sind bis heute Synonym für alles Groteske. Er erzählt Geschichten aus einer Welt, die rätselhaft, absurd, mysteriös ist. Für dieses Lebensgefühl hat sich der Begriff „kafkaesk“ eingeprägt. In dieser Welt verliert sich der Mensch im Dickicht der Bürokratie, er lebt in ständiger Angst vor Überwachung durch den Staat, die Verhältnisse sind komplex, unheimlich und nicht zu begreifen. Der Mensch ist überfordert. Das Leben ist kalt.

Kafkas Erzählstil in seinen Romanen, Erzählungen und Briefen ist einzigartig: linear, schnörkellos, präzis, detailgetreu. Alles ist mehrdeutig und parabelhaft. Die Perspektiven, aus denen Kafka erzählt, sind außergewöhnlich: sei es ein Hund, ein Käfer, ein Affe, ein Landvermesser oder ein Heizer.

Liest man den ersten Satz der berühmten Erzählung „Die Verwandlung“, geht  von Inhalt und Sprache sofort einer starker Sog aus: „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.“

Genauso geht es der Leserin nach dem ersten Satz von dem Roman „Der Prozess“: „Jemand musste Joseph K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“

Beim Lesen stellt sich sofort das Gefühl ein, das Kafka so formuliert hat: „Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.“

Joachim Dirks Kommentar zu Franz Kafka kann man bedingungslos bejahen: „Seine Bücher führen wie Sternenlicht durchs Dunkel.“

Kafkas Persönlichkeit zu beschreiben, ist ein schwieriges Herantasten. Es gibt so vieles, was man voller Verwunderung erkennt, wie die Schatten eines autoritären Vaters, seine juristische Tätigkeit, die katastrophalen Beziehungen zu Frauen, die gesundheitlichen Probleme oder das Leben zwischen deutscher, tschechischer und jüdischer Identität.

Kafkas Werke gibt es in Einzelexemplaren, gesammelten Werken oder als Ausgabe sämtlicher Werke. Meine Empfehlung: Franz Kafka, Sämtliche Werke. Verlag Suhrkamp, Berlin 2021 (aktuelle Auflage), 30 €.